HEERBRUGG: Die Angst im Nacken

Ängste gehören zum Alltag und dennoch können sie einem das Leben zur Hölle machen. Nicht alle Angststörungen sind krankhaft und müssen behandelt werden. Lenken sie den Alltag, ist Hilfe ratsam.

Benjamin Schmid
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Benjamin Schmid

Das Herz rast, der Mund ist trocken. Ein beklemmendes Gefühl breitet sich von der Brust zum Hals aus. Der Atem stockt. Schweissausbrüche und Schauder wechseln sich ab, schaukeln sich gegenseitig hoch und gipfeln in Unsicherheit, Schwäche und Kontrollverlust. Diese und weitere Symptome treten häufig auf, wenn sich Ängste entwickeln. Sie kommen unvermittelt und un­koordiniert. Die Vorboten der Angst.

Jeder Zehnte ist betroffen

Bereits alltägliche Phänomene können Angst auslösen. Angst vor dem Alleinsein, vor dem ­kläffenden Nachbarshund oder der Dunkelheit, Flugangst, Prüfungsangst oder Angst vor Krankheiten und dem Tod.

Sie begleitet uns seit der ­frühesten Kindheit. Nicht selten warnt sie uns vor Gefahren und löst entsprechende Fluchtreaktionen und Abwehrmechanismen aus. Mal ist sie ausgeprägter, mal nur eine Begleiterscheinung – normalerweise aber lernen wir, mit ihr umzugehen. Für 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung wird sie allerdings zu einem Problem. «Aktuell sind rund 800000 Personen in der Schweiz von Angststörungen betroffen», sagt Paula Kunze, Psychotherapeutin im Psychiatrie-Zentrum Rheintal, und ergänzt: «Frauen werden deutlich häufiger von Angst heimgesucht.» Dieser Fakt sei schwer zu erklären. Es hänge aber damit zusammen, dass Männer weniger von Angst sprechen, als vielmehr andere Ursachen anzuführen, dass sie sich seltener in Behandlung begeben und dass es aus kulturgesellschaftlicher Sicht weniger erwünscht sei. Ängstliche Männer als Oxymoron, ein Widerspruch in sich, sozusagen.

Angst kann verschiedene Ursachen haben

Woher die Ängste kommen, ist auch für Experten schwer zu klären. «Die genauen Ursachen sind oft subjektiv und von der jewei­ligen Situation und Lebensgeschichte abhängig», sagt Kunze und fügt hinzu: «Bei Angst­störungen und Phobien gibt es kein Entweder-oder, sondern viel mehr ein Sowohl-als-auch.» Einerseits seien die Genetik und die Evolution verantwortlich für Ängste, andererseits könne klassische Konditionierung oder Modelllernen zu Angststörungen führen. Ausserdem gilt Stress als Auslösefaktor für Angststörungen und Phobien, aber auch die Persönlichkeit ist von Bedeutung. Daneben gibt es sogenannte protektive Faktoren: «Nebst einem guten sozialen Netz mindern ein gesunder Selbstwert sowie bereits erfolgreich bewältigte Krisen das Risiko, an Angst­störungen zu leiden.» Eine gute körperliche Verfassung verkleinert das Erkrankungsrisiko.

Enttabuisierung – ein weiter Weg

Im Hinblick auf die Tabuisierung psychischer Krankheiten habe sich in den letzten Jahren einiges getan. So findet alljährlich am 10. Oktober der Tag der geistigen Gesundheit statt. Damit soll auf die verschiedenen psychischen Krankheiten aufmerksam gemacht werden. Denn diese werden in ihrer Bedeutung weiterhin unterschätzt oder sind mit vielen Vorurteilen behaftet. Es werde vermehrt darüber gesprochen, aber: «Wer möchte schon als ­psychisch krank gelten», sagt die Expertin und ergänzt: «Psychische Krankheiten werden durch die Gesellschaft verdrängt und die Leidenden dadurch stigmatisiert.» Betroffene ziehen sich deswegen aus der Öffentlichkeit zurück und vermeiden Gespräche über ihre Probleme oder spielen diese herunter.

Psychisches und emotionales Leiden werde voreilig und un­bedacht mit Geisteskrankheit, Dummheit oder mangelndem Willen in Verbindung gebracht. Nach einer alltäglichen Beschreibung hätten alle, die zu einem sogenannten «Seelenklempner» gehen, einen Dachschaden. Solche Aussagen seien kontraproduktiv und verringern die Chance auf Verbesserung. «Aufgrund der Stigmatisierung kommen ­Patienten häufig erst sehr spät in Behandlung. Etwa wenn dysfunktionale Angstbewältigungsstrategien wie Drogenkonsum oder exzessive Vermeidung zu massiven Problemen im Alltag, im Job oder mit den Angehörigen führen.»

Im Zusammenhang mit Ängsten sei es wichtig, alle Symptome anzuschauen. Nur durch eine gründliche Betrachtung der Gesamtsituation können geeignete Gegenmassnahmen getroffen werden. «Am Anfang steht die Einsicht, Hilfe zu brauchen», sagt Kunze. Danach wird eine individuelle Lösung für die Patienten gesucht. Eine Psychotherapie kann hilfreich sein. Für andere komme eine medikamentöse ­Behandlung in Frage oder eine Kombination beider Verfahren.

Zu den gängigsten Methoden, seinen Ängsten zu begegnen, zählen: Sich ihnen zu stellen oder sie zu vermeiden; sie mit Drogen zu betäuben oder sie mit der Angstlust zu meistern. Mit Letzterem ist gemeint, dass angstauslösende Situationen (z. B. Achterbahnfahren) spielerisch wiederholt werden; durch die erfolgreiche Bewältigung der angstauslösenden Situation kann ein Mensch Lust empfinden. Häufig kommt das im Kindesalter vor, seltener auch im Erwachsenenalter (z. B. Gleitschirmfliegen); selten oder nie jedoch bei Menschen mit krankhaften Ängsten, sagt die Psychotherapeutin.

Angstfrei durch das Leben

Es sei hilfreich, sich selbst ein ­guter Freund zu sein und sich in angsteinflössenden Situationen gut zuzureden. Wenn immer möglich sollte die Aufmerksamkeit auf die Sache, auf das aktuelle Geschehen gelenkt werden, niemals aber auf die Angstauslöser oder Angstreaktion. «Nur wer die Angst annimmt, sie nicht ­bekämpft oder vor ihr wegläuft, kann sich Linderung verschaffen», sagt Kunze. «Es geht nicht darum, die Angst zu besiegen, sondern mit ihr leben zu können.» Wer sich Zeit lässt und das Gespräch mit Freunden, anderen Betroffenen und Spezialisten sucht, erhöht die Wahrscheinlichkeit, in eine angstfreie Zukunft zu gehen.

Hinweis

Psychiatrie-Zentrum Rheintal, Balgacherstrasse 202, Heerbrugg, Telefon: 058 228 67 00, www.psych.ch (unter Standorte Heerbrugg anwählen).