HEERBRUGG: Der Tanz um das «Bleibsel»

Die letzte Praline bleibt liegen. Warum? Dieser Frage ging Joachim Rittmeyer am Mittwochabend im Kinotheater Madlen nach. Er sprang in atemberaubenden Sätzen von Bild zu Bild.

Max Pflüger
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Mit dem Problem des «Bleibsel» beschäftigte Joachim Rittmeyer das Publikum am Mittwoch im «Madlen» einen ganzen vergnüglichen Kabarett-Abend lang. (Bild: Max Pflüger)

Mit dem Problem des «Bleibsel» beschäftigte Joachim Rittmeyer das Publikum am Mittwoch im «Madlen» einen ganzen vergnüglichen Kabarett-Abend lang. (Bild: Max Pflüger)

Max Pflüger

Die Gedankenblitze des renommierten Kabarettisten tanzen in rasanter Abfolge rund um das «Bleibsel». Das ist jenes letzte Stückchen, das stets übrig bleibt. Warum? Weil es die Kultur so will, weil sich niemand traut, zuzugreifen, weil niemand gierig erscheinen will, weil es sich nicht gehört.

Joachim Rittmeyer hat eine Videoinstallation gedreht, eine Trilogie mit den Teilen «Past», «Present» und «Future». Englische Titel, weil die englische Sprache in der Kultur zum unverzichtbaren Kult geworden ist, erklärt Rittmeyer. Vielleicht aber auch für die amerikanische Fan-Gemeinde, die anlässlich der Premiere des zweiten Teils ebenfalls im «Madlen» anwesend war. Sein filmisches Oeuvre zeigt eine von oben gefilmte Tafelrunde, in der nur der Tisch und die Hände der Mitessenden und deren Verhalten sichtbar werden.

Pannen und Störungen machen die Figuren lebendig

Am Tisch sitzen die Kultfiguren aus Rittmeyers langjähriger Kabaretttradition: Theo Metzler, Jovan Nabo und Hanspeter Brauchle sowie zwei weitere Geladene. Leider ist Rittmeyers Filmkunstwerk von verschiedenen technischen Pannen und Störungen befallen. Das gibt dem Kabarettisten Raum und ermöglicht ihm, seine Figuren lebendig werden zu lassen.

In rasantem Tempo springt er von menschlicher Eigenart zu menschlicher Eigenart, beobachtet und karikiert die skurrilen ­Absonderlichkeiten des Homo sapiens und entlarvt diese mit messerscharfem Wortspiel und Wortwitz.

Das Publikum ist gefordert: Kaum ist der letzte Lacher über eine Pointe verklungen, sitzt schon die nächste.

Dann ist es endlich so weit: Die letzte Praline liegt und liegt und liegt, grün und einsam. Was ist das Gesprächsthema? Tanzen. Rittmeyer entwirft dazu die ­Geschichte: In der Tanzstunde bleibt das Mädchen im grünen Kleid brutal sitzen, denn mit ihr will niemand tanzen. Aber die Praline nehmen, das will auch niemand. Denn: «Ein leerer Teller bedeutet: die Gegenwart ist vorbei.»

Die Praline wird zum Schluss doch noch gegessen

Dass die Praline nach mehreren unerwarteten Wendungen zum Schluss doch noch gegessen wird, macht die Geschichte nicht einfacher. Auch der Literaturkritiker in der Zugabe, ebenfalls von Rittmeyer gespielt, findet keinen Interpretationsansatz. Das rundet den Abend ab.

«Bleibsel» ist ein vielschichtiges und vergnügliches Programm. Das wirklich Bleibende daran ist schliesslich die Erinnerung an einen Abend, der zum Lachen, aber gleichermassen auch zum Nachdenken anregte. Mitorganisator des faszinierenden Kabarettabends war die Rheintalische Gesellschaft für Musik und Literatur.