Ein ungeahnter Glücksfall in Altstätten: Hangartners grösster Lupf

Mit «jährlich vier Sitzungen», wie es geheissen hatte, war es denn doch nicht getan. Als Museums- Präsident hat der frühere Chefarzt Paul-Josef Hangartner einem Jahrhundertprojekt zum Durchbruch verholfen.

Gert Bruderer
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Paul-Josef Hangartner ist überzeugt, dass am Museumsprojekt am Ende «alle Freude haben werden». (Bild: Gert Bruderer)

Paul-Josef Hangartner ist überzeugt, dass am Museumsprojekt am Ende «alle Freude haben werden». (Bild: Gert Bruderer)

Natürlich hätte er die Herkulesaufgabe, die auf ihn zukam, erahnen können, als er vor sechs Jahren das Präsidium übernahm. Denn Stadt und Bevölkerung können mit ihrem Museum, der drittgrössten Liegenschaft der Altstadt, seit mindestens drei Jahrzehnten nicht wirklich zufrieden sein. Längst gab es erste Anzeichen einer Verlotterung, das Konzept war unzeitgemäss, der Garten mehr und mehr ein Schandfleck.

Dass sich vor gut einem Jahrzehnt der Nordflügel kaufen liess, verbesserte zwar markant die Ausgangslage mit Blick auf eine ersehnte Veränderung, erhöhte aber auch den Druck, dem drohenden Absturz des Museums in die Bedeutungslosigkeit erfolgreich entgegenzuwirken.

Es brauchte ein Wunder

Lange hatte es so ausgesehen, als würde das Kreisgericht einen Teil der Räume nutzen.

Aber das Gericht entschied sich anders.

Das Museum war nun auf ein kleines Wunder angewiesen.

Hangartner spricht von Zufall, einem ungeahnten Glücksfall: Fast zeitgleich mit dem Nein des Gerichts kam vom Diogenes-Theater die Frage, ob das Museum sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen könne.

Sofort war klar: Diese sogar noch vielversprechendere Kooperation ebnet einem Zentrum für Geschichte und Kultur den Weg, das regional ausstrahlen kann und mit dessen Bau nach den Sommerferien begonnen werden soll. Eine von zwei Einsprachen wurde zurückgezogen, die andere rechtskräftig abgelehnt.

Aus Zusammenarbeit ging Freundschaft hervor

Die Sache war ein richtig grosser Lupf. Zu überzeugen waren nicht nur die Mitglieder der beiden Vereine, sondern auch der Stadtrat und sodann die Bevölkerung, die dem Projekt im Juni 2018 mit einem Ja-Stimmen-Anteil von fast 60 Prozent zustimmte.

Das 8-Millionen-Projekt ist in Rekordzeit wahr gemacht worden. Vom Projektstart im Jahr 2016 bis zur Volksabstimmung vergingen zwei Jahre. Die Zusammenarbeit zwischen Diogenes- und Museumsspitze war in dieser Zeit so eng, dass daraus eine Freundschaft entstand.

Indem sowohl das Museum, als auch das Kleintheater die Chance zu enger Partnerschaft nutzte, konnte ein Projekt entstehen, das schweizweit einzigartig ist. Der Ausbau der Prestegg zum Zen­trum für Geschichte und Kultur ermöglichte es dem Museum, neue Konzepte zu entwickeln und einen Kurator einzustellen, der die Professionalisierung des Betriebs zielstrebig vorantreibt.

Es schliesst sich ein Kreis

Als Präsident des Museumsvereins (wie die Museumsgesellschaft neuerdings heisst) gab der in Brunnen am Vierwaldstättersee aufgewachsene Paul-Josef Hangartner «der Stadt etwas zurück». Dem Sohn eines Apothekerpaars, der im März 1988 als Chefarzt Innere Medizin nach Altstätten kam, ist sein Zuhause an Altstättens Heidenerstrasse ebenso ans Herz gewachsen wie seiner Gattin Edith. Sie hatten sich in Wattwil kennengelernt, wo Hangartner als Assistenzarzt und die Gattin einst im Labor tätig war.

Wer den Namen Hangartner mit Altstätten verbindet, liegt richtig. Tatsächlich ist Altstätten Hangartners Bürgerort, und sein Urgrossvater mütterlicherseits war (wie Hangartners) an der Heidenerstrasse zu Hause – im Gebäude, das später Zahnarzt Gallus Jung mit seiner Familie bewohnte. Dieser Urgrossvater, Dr. Jakob Ritter, hatte zum damaligen Kustos Karl Moser ein gutes Verhältnis, sodass sich mit Paul-Josef Hangartners Einsatz fürs Altstätter Museum ein Kreis schliesst.

Auch väterlicherseits ist ein Bezug zur Stadt vorhanden: Grossvater Josef führte in Altstättens Marktgasse den einstigen «Bären», zog aber früh in die Innerschweiz, wo schon der Vater von Paul-Josef Hangartner aufwuchs.

Für die Öffentlichkeit etwas zu tun, fand Paul-Josef Hangartner stets wichtig. Als er sich in den Neunzigern anschickte, den Vorsitz des örtlichen Krankenpflegevereins zu übernehmen, hätte er gern einen überkonfessionellen Verein übernommen. Seine Gattin erzählt die kleine Anekdote mit Genuss: Der Verzicht auf zwei eigenständige Vereine, einen katholischen und einen evangelischen, sei damals «nicht einfach geschluckt» worden. Oben seien wir schon damals alle gleich gewesen, meint sie lächelnd und mit Blick zum Himmel, aber unten habe denn doch alles seine Ordnung haben müssen. So wurde ihr Mann 1995 Präsident des katholischen Krankenpflegevereins, nachdem zuvor stets ein Geistlicher an dessen Spitze gestanden hatte. Aber bald darauf kam es im Sinne Hangartners zur Fusion mit dem evangelischen Krankenpflegeverein, später stiessen die Eichberger dazu und nach Hangartners Zeit, also nach 2003, wurde der Krankenpflegeverein in Spitex umbenannt.

Paul-Josef Hangartner gehörte ein paar Jahre dem Vorstand der CVP-Ortspartei an und erfüllte eine lange Reihe besonderer Aufgaben inner- und ausserhalb des Spitals.

Der Vorsitzende der Spitalleitung war auch Geschäftsleitungsmitglied und CEO-Stellvertreter in der Spitalregion sowie, ein Dreivierteljahr, CEO ad interim. 15 Jahre war er im Vorstand der Leitenden Spitalärzte im Kanton St. Gallen, zuletzt während acht Jahren als Präsident.

Eine besonders wichtige Funktion war das Präsidium der Schweizerischen Chefärztekommission der Internisten von 2002 bis 2008. Unter anderem erfasste diese Kommission alle auftretenden Komplikationen in Verbindung mit innerer Medizin. Das erlaubte es den Spitälern, auch jenem in Altstätten, präventiv Gegenmassnahmen zu ergreifen. 2012 wurde Hangartner Ombudsmann der Kantonalen Ärztegesellschaft St. Gallen.

Eines der schönsten Erlebnisse überhaupt

Im Zusammenhang mit dem Museumsprojekt hatte Hangartner eines der schönsten Erlebnisse überhaupt. Gemeint ist der Meinungsumschwung innerhalb des Stadtrats, der sich nach anfänglicher Skepsis mit aller Kraft hinters Projekt gestellt und sich für die Zusammenführung von Museum und Kleintheater unter ein einziges Dach eingesetzt habe. Auch Christa Köppel, die Widnauer Gemeindepräsidentin, habe das Projekt als Präsidentin der Rheintaler Kulturstiftung stark unterstützt.

Aber natürlich gebührt der besondere Dank Hangartners dem Volk, das sich am Ende mit deutlichem Mehr «für ein Bijou» entschieden habe, für zwei Vereine, die «viel für die Stadt tun wollen», für ein «Projekt, an dem am Ende alle Freude haben werden».

Ausser Stadt und Kanton, die zusammen einen Investitionsbeitrag von 4,7 Mio. Franken leisten, unterstützt die Karl Zünd Stiftung das Bauvorhaben seit Beginn mit dem bemerkenswerten Beitrag von 800000 Franken.

Die Stiftung leistete so «einen sehr wichtigen Anschub für das Sponsoring durch weitere Stiftungen und Privatpersonen», sagt Hangartner.

Läuft alles plangemäss – und danach sieht es aus – wird das neue Zentrum für Geschichte und Kultur im Sommer oder Herbst 2021 feierlich eröffnet. Diese Aussicht beglückt den krankheitshalber zurückgetretenen Präsidenten Paul-Josef Hangartner, diesen vielseitig Begabten, der am eigenen Haus zeitlebens die handwerklichen Arbeiten selbst ausführte und der früher in seiner knapp bemessenen Freizeit nicht nur Fagott, sondern auch leidenschaftlich Klavier spielte.