Granaten im Paradies

Garten

Urs Stieger
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Manchmal vergeht auch mir die Geduld mit Pflanzen und ich denke mir: Leck mich!

So ging es mir letzten Herbst, als ich die Kübelpflanzen einräumte. Es ist ja vieles gegenläufig auf dieser Welt. Die Pflanzen werden immer grösser und schwerer, meine Muskeln machen das Gegenteil. Vor vielen Jahren, 20 vielleicht, habe ich aus Samen einen Granatapfel gezogen, als Erinnerung an eine schwere Krankheit, die ich mit viel Glück und ärztlicher Hilfe überlebte. Das Pflänzchen wurde ein Bäumchen, lästig strubbelig, hatte Dornen und war nicht besonders hübsch. Das war insofern gut für mich, weil ich dummerweise immer gerne etwas zu viel an den Pflanzen rumschnipsle. Nie hatte der Baum irgendwelche Blüten, die kannte ich nur aus Büchern.

Letzten Winter habe ich mir gesagt, den häcksle ich, habe ihn aus dem Topf genommen und, sein und mein Glück, einfach neben das Haus gestellt. Zu faul, um ihn zum Kompost zu tragen, liess ich ihn ohne jeden Schutz unter dem Vordach stehen. Kein Wasser, keine Erde, nichts bekam er, nur den kalten Winterfrost. Nach dem Spätfrost zeigte er winzige Knospen. Ich nahm an, dass die vom letzten Jahr und jetzt natürlich erfroren waren.

Das Granatapfelbäumchen blüht jetzt. Und wie! Schöne, fleischige Blüten in einem Zinnoberrot, das leuchtet in den kleinen Blättern. Erfahrene Gärtner wissen das: Granatapfelblüten kommen vor allem, wenn der Baum spät austreibt. Im sonnenwarmen Wintergarten hatte er schon im Februar Blätter.

Granatäpfel, früher hiessen sie Granaten, haben den kriegerischen Waffen den Namen gegeben. Da sie voll Kernen sind, kam die Idee auf, Sprengkörper mit Pulverkernen zu füllen. Die Folgen kennen wir, bis heute. Dabei war der Granatapfelbaum Evas Apfelbaum des Paradieses! Über Jahrhunderte hatte er grosse Bedeutung im Orient und wurde schon während des Konzils von Konstanz in unsere Gegend exportiert. Es gibt wenige Pflanzen, die momentan für medizinische, kulinarische und kosmetische Verwendung mehr diskutiert werden als dieser wild wachsende Baum oder Strauch. In der Krebsforschung spielt er eine grosse Rolle. Er hat viel mehr Polyphenole, gesundheitsfördernde Stoffe, als etwa Wein. Er senkt erwiesenermassen den Blutdruck. Das berühmte Rot der Orientteppiche wird aus den Schalen der Frucht erzeugt. Der Saft der Früchte gab den roten Grenadine-Sirup der Kindheit. Der grosse Hit ist der Granatapfel momentan in der Naturkosmetikindustrie. Jede Menge Sälbeli sind auf dem Markt. Freilich darf man nicht in jeder Pflanze, die etwas kann, die Wunderpflanze sehen.

Andere Pflanzen erfrieren bei einem solch schlechten Gärtner. Nicht so Punica granatum. Er blüht!

Urs Stieger

Berneck

www.u-stieger.com