«Gönne Dich Dir selbst»

Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag ist eine Gelegenheit zum Innehalten, ein Tag, um über das Leben insgesamt nachzudenken und auch einmal über sich selbst – und er ist ein Tag des Betens, Bittens und Dankens.

Jürgen Kaesler Pfarreibeauftragter In Rüthi
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Oase im Alltag: Nur wenn sich die Seele wohl fühlt, kann sie wohlwollend mit der Umgebung und mit Menschen in der Nachbarschaft sein. (Bild: Shutterstock)

Oase im Alltag: Nur wenn sich die Seele wohl fühlt, kann sie wohlwollend mit der Umgebung und mit Menschen in der Nachbarschaft sein. (Bild: Shutterstock)

Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag ist eine Gelegenheit zum Innehalten, ein Tag, um über das Leben insgesamt nachzudenken und auch einmal über sich selbst – und er ist ein Tag des Betens, Bittens und Dankens. So sahen es jedenfalls die Menschen noch vor einigen Jahrzehnten in der Schweiz, und es gibt nicht wenige, die dies auch heute noch praktizieren.

Dazu ein Wort eines Mannes aus dem 12. Jahrhundert. Das Wort klingt so, als käme es aus einem modernen Lebensratgeber:

«Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: tu das immer, ich sage nicht: tu das oft, aber ich sage: tu es immer wieder einmal.»

Dies sagte ein Mann, der alles andere als ein Müssiggänger war: Bernhard von Clairvaux. Er schrieb diesen Ratschlag an einen Mann, der auch genug zu tun hatte: an Papst Eugen III, ein Schüler von ihm. Bernhard lebte vor circa 900 Jahren und war in seiner Zeit ein Promi, wie man heute sagen würde.

Wenn er irgendwo predigte, dann hörten viele Menschen zu. Doch er hatte keinerlei Starallüren. Der heilige Bernhard war Zisterzienser. Im Alter von nur 22 Jahren trat er zusammen mit rund 30 Freunden und Verwandten in diesen noch jungen Orden ein. Die Zisterzienser zeichneten sich durch einen sehr einfachen Lebensstil aus. Ihre Klöster hatten sie meist in sehr abgelegenen Tälern und an unwirtlichen Orten erbaut. Sie hatten grossen Zulauf im 12. Jahrhundert, nicht zuletzt auch durch die charismatische Ausstrahlung von Bernhard. Allein 68 Klostergründungen gehen auf ihn zurück.

Bernhard war ein grosser Theologe und mischte sich in die Politik ein, blieb aber von seinem Lebensstil her ein einfacher Ordensmann. Fünfmal wollte man ihn zum Bischof machen, aber immer lehnte er ab. Er lebte einfach, er setzte sich ein – das ist überzeugend bis heute. Aber es gibt auch Dinge im Leben Bernhards, mit denen wir heute unsere Schwierigkeiten haben. Zum Beispiel ging er mit seinem theologischen Gegenspieler Abaelard nicht immer sauber um. Auch grosse Heilige sind eben nur Menschen – Menschen, die Fehler machen und die immer wieder einmal eine Auszeit brauchen. Das wusste Bernhard. Deshalb sein Tip vor 900 Jahren, der gut auch zum morgigen Dank-, Buss- und Bettag passen könnte. Denn, nur wer Lust hat, in seinem eigenen Körper zu wohnen, dessen Seele kann sich darin wohl fühlen. Nur wenn sich die Seele wohl fühlt, kann sie wohlwollend mit der Umgebung und mit Menschen in der Nachbarschaft umgehen. Wer nicht auf sich selbst achtet und sensibel gegenüber den eigenen Bedürfnissen und Erfordernissen ist, der geht auch nicht wohlwollend mit der Umwelt um, sondern entfacht Streit und Missgunst.

Deshalb ist es gut, zu danken, zu bitten und auch etwas demütig zu werden. Oder um es mit Bernhard von Clairvaux zu sagen: «Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: tu das immer, ich sage nicht: tu das oft, aber ich sage: tu es immer wieder einmal.»