Gewählt ist gewählt

DIEPOLDSAU. Im Herbst wurde Manfred Frei-Breu mit drei Stimmen zum neuen Präsidenten der Katholischen Kirchgemeinde Diepoldsau-Schmitter gewählt. Er sagt: «Das ist Demokratie, gell.» Die Geschichte eines Unaufgeregten.

Samuel Tanner
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Manfred Frei an seiner neuen Wirkungsstätte, der katholischen Kirche Diepoldsau. (Bild: Samuel Tanner)

Manfred Frei an seiner neuen Wirkungsstätte, der katholischen Kirche Diepoldsau. (Bild: Samuel Tanner)

Als katholisch Diepoldsau verzweifelt nach einem neuen Präsidenten suchte, wurde Manfred Frei, 69, auf der Männerriegen-Reise in Prag dazu ernannt.

Sie hätten natürlich nur gewitzelt, mehr nicht, sagt Manfred Frei einige Monate später. Inzwischen ist er auch offiziell Präsident der Kirche. Gewählt im zweiten Wahlgang, mit 3 Stimmen, per Zufall.

Der Pensionist sitzt im Besprechungszimmer des Kirchensekretariats. Er hat Ordner bereitgelegt und ein altes Ölbild. Dann fragt er: «Wie viel Zeit haben Sie?»

In den nächsten fast zwei Stunden erzählt Manfred Frei eine ausführliche Version seines Lebens – angefangen mit dem vorläufig letzten Höhepunkt.

Der enttäuschte Vorgänger

Vor über einem Jahr hat Hubert Lehner, damaliger Präsident der Kirchgemeinde, beschlossen, dass er nach zwölf Jahren genug habe vom Amt. Ein langes Jahr suchte er dann nach einem Nachfolger. Niemand wollte. «Ich bin enttäuscht», entfuhr es ihm in einem Zeitungsinterview einmal.

Manfred Frei würde später sagen: «Mich haben sie nie gefragt.»

Im ersten Wahlgang wussten die Stimmbürger nicht, wen sie wählen sollten – es gab keinen Kandidaten. Und auch vor dem zweiten Wahlgang stellte sich niemand zur Verfügung.

Da mahnte Hubert Lehner, der Abtretende: «Meldet sich niemand, kommt ein Kurator aus St. Gallen, und wir müssen eher früh als spät mit Widnau fusionieren.»

Spätestens jetzt befiel Manfred Frei ein mulmiges Gefühl. Ein Kurator? Aus St. Gallen? Noch immer hatte aber niemand angefragt.

Und so kam der Tag des zweiten Wahlgangs. Wieder gab es keinen Kandidaten, wieder war die Beteiligung an der Wahl unterirdisch. Nur eine Hoffnung blieb der Gemeinde: Das relative Mehr. Jeder, der auch nur 1 Stimme erzielte, würde das Amt annehmen können.

18 Stimmen gab es für den Sieger. Er oder sie wollte nicht. Weitere Kandidaten sagten ab, Lehner und seine Kollegen waren mittlerweile bei jenen angelangt, die 3 Stimmen erhalten hatten. Verzweifelt schrieben sie eine briefliche Anfrage um die andere. Dann stiessen sie aber auf einen alten Bekannten: Manfred Frei. Ex-Kantonsrat. Ex-Schulrat und Männerriegler. Pensionierter Chef einer Geometer-Firma.

Plötzlich ging alles schnell: Lehner fragte Frei, Frei sagte Ja. «Ich habe mir gesagt: Warum nicht? Ich habe ja Zeit», sagt Frei heute. «Ich hab mich gefragt: Was soll ich zu Hause?»

Klar, da sei noch das Mandat als Verwaltungsratspräsident der früheren Unternehmung. Oder all die Hobbies – Jassen, Skifahren, Männerriege. Die Familie. Aber eben: «Ich habe gemeint: Moll, das könnte ich machen. Ich bin geistig noch zwäg.»

Nun regiert Manfred Frei-Breu seit drei Monaten, per Zufall, legitimiert durch 3 Stimmen. Ein komisches Gefühl? Manfred Frei macht ein Gesicht wie eine zufriedene Katze und sagt dann: «Das ist Demokratie, gell. 99,5 Prozent der Stimmen zu kriegen, wie der nordkoreanische Machthaber, ist keine Leistung.»

Im Dorf gab es Sprüche, aber Manfred Frei fühlt sich getragen von katholisch Diepoldsau. Er sagt: «Den Leuten ist gedient.»

Die Lacher auf seiner Seite

Besonders gemerkt hat er das an der Kirchbürgerversammlung, 12. März, 19.30 Uhr. 116 Stimmbürger sind gekommen, mehr als sonst. Frei: «Wahrscheinlich, weil sie den Neuen sehen wollten.» Und der Neue mit den 3 Stimmen hat die Lacher sofort auf seiner Seite.

Bauvorhaben stehen an, die Kapelle muss saniert werden, der Mesmer braucht eine neue Küche, doch Manfred Frei ist etwas anderes genauso wichtig. Er sagt: «Hätten meine Frau, meine drei Söhne und ich meinen Namen auf den Stimmzettel gesetzt, hätte ich acht Stimmen bekommen.» – Der Saal lacht.

Herausfinden, wer die drei waren, das will Manfred Frei nicht. Er ist aus Pflichtbewusstsein angetreten. Und weil er es sich zutraut. Das war aber nicht immer so.

Manfred Frei erinnert sich am Tag nach der Versammlung im Sekretariat, neben Ordnern und Ölbild, an seine Jugend in der Kanti in St. Gallen – an lange Tage und an einen unmöglichen Lehrer. Heute würde man es Mobbing nennen, sagt Manfred Frei. Am Ende habe er nicht einmal mehr gewusst, ob ohne mit oder ohne h geschrieben werde, gell.

Frei ist reingerutscht

Der heute 69-Jährige liess sich nicht beirren. Absolvierte bald die ETH, schloss als dipl. Kulturingenieur ab, führte ein Unternehmen mit 26 Angestellten.

Auch neben dem Beruf hat sich Manfred Frei hochgearbeitet. Bald war er Bezirksparteipräsident, bald rutschte er in den Kantonsrat nach, bald führte er für Edgar Oehler den Wahlkampf.

Selbst das Kapitel Politik eröffnete sich per Zufall, auch da suchten sie, 1983, unbedingt einen Präsidenten für die Diepoldsauer CVP. «Ich sagte mir: Moll, gut, probieren wir das.»

Jemand hat Frei mal einen Rhetorik-Kurs vorgeschlagen. Er sagte: «Kurse sind nicht meine Welt.» Seine Devise habe immer gelautet: Learning by doing.

Heute macht es ihm kaum mehr was aus, vor die Leute zu stehen. Manfred Frei besitzt die Gelassenheit eines Buddhas. «Kommt mit dem Alter.» Dass er mal Präsident der Kirche wird, darauf hätte Frei lange nichts gewettet. Er ist reingerutscht – wie in die Politik, wie in den Kantonsrat.

Hätte man ihm früher gesagt, er werde einmal Kirchenpräsident – der Pensionist hätte gelacht. «Ich bin kein Frommer», sagt Manfred Frei. «So nah bei der Kirche wie nun war ich noch nie.» Mit den konservativen Katholiken kann er nicht viel anfangen. «Ich bin viel liberaler.» Nähe zur Kirche könnte Manfred Frei nur zuschreiben, wer seinen Vater kennt. Der war ebenfalls Präsident der Kirche, 1947 bis 1951.

«Servus, gell»

«Bei uns in der Familie war es üblich, sich zu engagieren», erzählt Frei. Seine Stimme ist in diesen fast zwei Stunden ruhiger und ruhiger geworden.

Draussen dämmert es. Nach einem Foto in der Kirche schaut er bei der Mesmerin vorbei. Und sagt: «Servus, gell.» Dann schliesst Manfred Frei die Türe. Ganz langsam.