Gemalte Zeugnisse erlebter Wunder

Der Kapelle im Weiler Freienbach hat man wahre Wunder nachgesagt. Sie war darum lange Zeit ein viel besuchter Wallfahrtsort, vor allem in der Zeit nach 1740. Einige Votivtafeln zeugen noch heute davon. Die Kirchgemeinde hat diese Dankesbilder vor kurzem instand stellen lassen.

Max Tinner
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Eine Votivtafel von 1743. Sie zeigt untypischerweise nur die Muttergottes mit dem Jesuskind, die aber eindeutig dem Gnadenbild Lucas Cranachs des Älteren nachempfunden sind.

Eine Votivtafel von 1743. Sie zeigt untypischerweise nur die Muttergottes mit dem Jesuskind, die aber eindeutig dem Gnadenbild Lucas Cranachs des Älteren nachempfunden sind.

KOBELWALD/FREIENBACH. In vergangenen Jahrhunderten war ein Grossteil der Rheintaler Bevölkerung arm. Einen Arzt konnten sich nur die wenigsten leisten. War man krank, vertraute man auf den Herrgott – und auf die Fürbitte der Heiligen. Wahre Wunder versprach man sich von einem Besuch in der Kapelle Mariä Heimsuchung (früher Maria Hilf) im Weiler Freienbach ob Kobelwald. Die Muttergottes höchstpersönlich setzt sich hier für einen ein, war man weitherum überzeugt.

In einem Mirakelbuch hielt man die Wunder fest, die Hilfesuchende hier angeblich erfahren haben. Das Buch ist abhanden gekommen; lediglich Auszüge daraus sind dokumentiert und liegen zur Einsichtnahme noch heute in der Kapelle auf.

Ein Beispiel aus den in altertümlichem Deutsch verfassten Wundermeldungen: «Ein Söhnlein aus bernang, welches an einem Bainlin ohncurierlich grossen Schmertzen gelitten, mit demselben in beschwernus nachen Maria Einsidlen zue bringen einen Wohlfart alldorten zue verrichten, ist ihmen nit geholffen worden, durch Verlob eines Opfers allhier bey Maria Hilff ist solches befreyet worden, wie selbsten ist bezeuget worden.»

Auf das Versprechen einer Opfergabe hin sei also ein Bub aus Berneck von einem bis dahin nicht kurierbaren Beinleiden geheilt worden, nachdem selbst eine Wallfahrt nach Einsiedeln nicht geholfen habe. Blinde sollen nach Gebeten in Freienbach sehend geworden sein, berichten andere Einträge, Besessene sollen vom bösen Geist befreit worden sein und anderes mehr.

Ein Bild als Dank für Heilung

Für die Gebetserhörung versprachen viele, ein sogenanntes Votivbild zu spenden. Es sind von Dorfmalern, vielleicht auch von den Leuten selbst, mit Ölfarben auf Leinwand oder Holz gemalte Bilder, die eine erfahrene Heilung oder eine andere Gebetserhörung bezeugen – und die Dankbarkeit dafür. Auf den Bildern ist die Muttergottes zu sehen, meist gemalt nach dem Vorbild der Gnadenbild-Darstellung Lucas Cranachs des Älteren. Das Original befindet sich im Dom zu Innsbruck. Das viel kopierte Motiv ist im ganzen Alpenraum in Wallfahrtskirchen zu sehen. Auch in Freienbach hing früher ein solches Madonnenbild. Weiter ist auf den Votivtafeln in der Regel der Bittsteller dargestellt, die erfahrene Gebetserhörung sowie eine Inschrift, die oft auf die beiden Wörter «ex voto» (für «aus einem Gelübde heraus») reduziert ist. Auch Tiere sind auf manchen Bildern zu sehen – Tierärzte gab es damals wohl noch nicht; eine Kuh, ein Ochse oder ein Ross waren aber ein Vermögen wert, weshalb die Existenz der ganzen Familie gefährdet war, erkrankte ein solches Tier.

Von überall her

Wallfahrtsort war Freienbach schon zur Mitte des 17. Jahrhunderts, wird vermutet. Eine wahre Blütezeit erlebte der Weiler aber im 18. Jahrhundert, ab den 1740er-Jahren. Damals gehörte Freienbach noch zur Pfarrei Montlingen. Die Leute kamen aus dem ganzen Rheintal, aber auch von ennet dem Rhein aus Vorarlberg und dem Liechtensteinischen, aus dem Appenzellerland und sogar aus der Innerschweiz, um hier Heilung oder Hilfe zu erflehen.

An die Wand genagelt

Einige Votivbilder aus jenen Jahren sind noch heute an der rechten Seitenwand in der Kapelle zu sehen. Die Katholische Kirchgemeinde Kobelwald hat sie kürzlich instand stellen lassen. Das eine oder andere hatte Löcher – weil es einfach mit einem Nagel durchs Bild an die Wand genagelt worden war. Einst soll der ganze Vorraum der Kapelle mit Votivbildern behangen gewesen sein. Mehr als hundert mögen es gewesen sein, sagt Ruedi Loher. Der frühere Oberrieter Posthalter und leidenschaftliche Heimatkundler hat sich vor Jahren im Rahmen seiner Arbeit für das Gemeindemuseum Rothus intensiv mit der Materie befasst.

Zwischen 1938 und 1955 hat die Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde eine gesamtschweizerische Bestandesaufnahme durchgeführt. 11 800 Fotos und Negative zählt die Sammlung. Freienbach hat damals 36 Votivtafeln gemeldet, weiss Ruedi Loher. Heute ist nur noch etwa die Hälfte davon vorhanden. Nebst jenen, die man in der Kapelle sehen kann, verfügt das Gemeindemuseum Rothus in Oberriet noch über einige, die dort als Leihgabe zu sehen sind.

Heute noch eine Pilgerkapelle

Die Kapelle in Freienbach ist nicht mehr dieselbe, die sie zur Blütezeit der Wallfahrten war. Ursprünglich mag hier ein bescheidenes Bildstöcklein gestanden haben. Sicher ist, dass 1744 eine bereits bestehende Kapelle wegen des zunehmenden Andrangs vergrössert wurde. Anfang der 1840er-Jahre wurde nach einem Blitzschlag eine neue Kapelle gebaut. Seit 1971 steht die heutige Kapelle.

Ein wenig von der einstigen Bedeutung hat das Kirchlein bewahrt. Brennende Kerzen zeugen davon, dass auch heute noch Hilfesuchende auf die Fürbitte Marias hoffen. Nach wie vor findet auch jährlich eine Wallfahrt von Oberriet nach Freienbach statt. Auch die Appenzeller Pilgerfahrt von Eggerstanden nach Rankweil (sie war gerade wieder letzten Samstag) führt hier vorbei. Und auch der eine oder andere Pilger auf dem Jakobsweg (der Stempel für den Eintrag im Pilgerbüchlein liegt gleich beim Eingang parat) sucht in der Kapelle Freienbach das Gebet. In der Regel dürfte er – wenn nicht gerade Gottesdienst ist – der einzige sein, der gerade in der Kapelle betet. Nichtsahnend, welch ein Andrang vor 270 Jahren hier gewesen sein mag.

Eine nicht datierte Votivtafel, die ein Bittsteller vom Nenzingerberg hinter Feldkirch hat anfertigen lassen. Die Darstellung lässt auf eine wohlhabende Familie schliessen.

Eine nicht datierte Votivtafel, die ein Bittsteller vom Nenzingerberg hinter Feldkirch hat anfertigen lassen. Die Darstellung lässt auf eine wohlhabende Familie schliessen.

Ruedi Loher (links) und Kirchenverwaltungsratspräsident Daniel Feldmann freuen sich über die Votivbilder, die kürzlich restauriert worden sind. (Bild: Max Tinner)

Ruedi Loher (links) und Kirchenverwaltungsratspräsident Daniel Feldmann freuen sich über die Votivbilder, die kürzlich restauriert worden sind. (Bild: Max Tinner)