GEGEN EINSAMKEIT: "Ich habe nie so viel gestrickt"

Der Bastelgruppe im Altersheim Feldhof anzugehören, bedeutet mehr als nur beschäftigt zu sein. Wir haben die kreativen Bewohnerinnen und Bewohner besucht und verbrachten einen Nachmittag mit ihnen.

Monika von der Linden
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Rita Stieger strickt in der Bastelrunde für den Herbstbasar eine Kinderwagendecke. Der Pulli, den sie trägt, ist in ihrer "Freizeit" entstanden. (Bilder: Monika von der Linden)

Rita Stieger strickt in der Bastelrunde für den Herbstbasar eine Kinderwagendecke. Der Pulli, den sie trägt, ist in ihrer "Freizeit" entstanden. (Bilder: Monika von der Linden)

Monika von der Linden

Beim Eintreten ins Alters- und Pflegeheim Feldhof fällt der Blick auf ein Fischernetz. Es ist Teil einer umfangreichen Dekoration, mit der die Gemeinschaftsräume sommerlich frisch geschmückt sind.

Mitgewirkt an ihrer Entstehung hat die Bastelgruppe. Etwa ein Dutzend Männer und Frauen trifft sich regelmässig im "Feldhof"-Atelier. Sie häkeln, stricken oder malen stets auf ein Ziel hin. Aktuell handarbeiten sie für den Basar im Herbst. Judith Hofstetter leitet die kreativen Bewohnerinnen und Bewohner an. Sie sei schon einmal am Meer gewesen, sagt Margreth Schneider, als sie die Reporterin auf die an Ferien erinnernde Dekoration anspricht. Zwei Wochen lang war sie als junge Frau in Amerika an der Küste gewesen. "Das war schön", sagt sie .

Andere reisten nie so weit, waren froh, ab und zu das Dorf verlassen zu können. Ferien in Mels oder im Engadin waren selten und manchmal eine vom Arzt verordnete Erholung nach einem Krankenhausaufenthalt. Sie habe im Krieg nicht an Ferien gedacht, merkt eine Frau aus dem Kreis an.

Werken und einander erzählen

Während die Bewohner ihre Erinnerungen austauschen, werken ihre fleissigen Hände. An Bruno Lohers Platz liegt eine breite Farbstiftpalette, vor ihm ein Bild. Akkurat malt er die Konturen eines Murmeltieres aus. Indes denkt er an seine Zeit als Bauer, in der er viele Tiere versorgte. "Zu Hause habe ich nie gemalt", sagt er. Es bereitet ihm aber sichtlich grosse Freude.

Ungezählt viele Socken gestrickt hat Margreth Jud in den bald dreizehn Jahren, in denen sie im "Feldhof" lebt. Die Restwolle verwertet sie gerade in einem Kinderschal.

Sommer und Bauernhof: Margreth Jud wird ihre Zeit als Bäuerin wieder präsent. "Früher hatte ich im Sommer keine Zeit zum Stricken", sagt sie, dreht den Schal um und beginnt mit der nächsten Reihe. "Ich habe noch nie so viel gestrickt wie hier." In diesem Satz schwingt sowohl Zufriedenheit als auch Bedauern mit. Immer wieder sagt sie, wie sehr sie den Zeitvertreib, etwas Nützliches tun zu können und das ­Zusammensein in der Gruppe schätze.

Sie erwähnt durchaus, dass sie längst nicht mehr so agil ist wie früher: "Zum Glück kann ich noch gut sehen", sagt sie und blickt auf die Nadeln und den ­Faden. Das Laufen bereitet ihr Mühe, ihre Hände aber sind flink. Unstimmigkeiten kämen manchmal auch auf, meint Margreth Jud. Da jeder aber sein eigenes Zimmer hat, in das er sich zurückziehen kann, entwickelt sich meist kein Streit. "Wir sind doch jetzt die Familie." Ihr gegenüber sitzt Rita Stieger. Sie strickt auch dann gern, wenn sie alleine in ihrem Zimmer ist, so auch den Sommerpulli, den sie gerade trägt. Früher waren es warme Jacken für den Bruder. Heute sind es viele kleine Carrees, die später zu einer Kinderwagendecke zusammengenäht werden.

Wie die anderen Senioren der Runde erzählt auch Rita Stieger von ihrem Beruf. Sie war Postangestellte und findet es nicht gut, wie sich die Post entwickelt. "Heute fördert sie das, was sie uns früher verboten hat, nämlich die Poststelle mit einem Laden zu kombinieren."

Es tut weh, nur zusehen zu können

"Es ist schön, hier in der Gruppe zu sein", sagt Maria Loher. "Es tut mir aber weh, zusehen zu müssen, wie die anderen Frauen und Männer schaffen."

Die Nachmittage im Atelier erinnern Marie Loher daran, dass sie ihren Hobbys nicht mehr nachgehen kann. Sie kann nicht mehr stricken, nicht mehr nähen und nicht mehr gärtnern.

"Es kostet mich jedes Mal viel Mut, in die Runde zu kommen", sagt sie. "Wenn ich es aber geschafft habe, bin ich froh. Denn dann ich bin wieder unter anderen Menschen und nicht einsam."