Heerbrugg
Lesung von Urs Faes: Gefühle müssen beim Lesen entstehen

Der bereits mehrfach für sein literarisches Schaffen ausgezeichnete Urs Faes las aus seinem Roman «Untertags».

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Er vermeide es, «gefühlig» zu schreiben, sagt Urs Faes.

Er vermeide es, «gefühlig» zu schreiben, sagt Urs Faes.

Auf Einladung der Rheintalischen Gesellschaft für Musik und Literatur (RGML) und in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Rheintal (VHSR) war der 1947 geborene Autor am Mittwoch zu einer Lesung in der Aula der Kantonsschule Heerbrugg zugegen.

Das Kitsch-Risiko entschärft

Zurückhaltend, ruhig und behutsam ist Urs Faes’ Erzählstil, und fern von aufgeregter Tagesak­tualität sind seine Themen. Es sind: die Liebe, das Glück, die Erinnerung, der Verlust, der Tod. In Faes’ jüngstem Werk, dem 2020 erschienenen Roman «Untertags», wohnt die Leserschaft einer überraschenden, grossen Liebe bei, die sich der alles zersetzenden Macht der Demenz entgegenstellt. Ein Thema mit höchstem Kitsch-Risiko. Nicht aber bei Urs Faes. Er verzichtet auf einen wissenden und wertenden Erzähler und überlässt das Reflektieren und Erinnern seinen Figuren, denen er sich offensichtlich sehr nahe fühlt: Vor allem ist dies Herta, die tapfere späte Gefährtin des Erkrankten, die damit fertig werden muss, dass sie in der Welt, die in Jakovs letzter, bruchstückhafter Erinnerung aufscheint, nicht vorkommt. An keinem seiner Werke habe er so lange, rund zehn Jahre, gearbeitet und verschiedene Erzählmodi ausprobiert, gab der Autor an. Anfangs habe er etwas über das Vergessen schreiben wollen, doch bald sei ihm klar geworden, dass er dieses Thema in einen grösseren Zusammenhang stellen wolle.

Die nicht identifikatorische, sondern empathische Nähe des Autors zu den so lebendig und glaubhaft gestalteten Personen übertrug sich denn auch in der Aula der Kantonsschule mühelos auf die Zuhörenden.

Im Anschluss an die Lesung machte Urs Faes die Anwesenden darauf aufmerksam, dass das Wort «Demenz» im Roman kein einziges Mal auftauche. Auch wenn ihn das Thema «Kranksein» schon immer umgetrieben habe, gehe es ihm eben nicht um eine Krankheitsgeschichte, sondern um die Geschichte einer Liebe und ihrer Gefährdung. Worauf es ankomme und was er darzustellen versuche, seien die Momente erfüllten Lebens. Abseits jedweder Larmoyanz oder Düsterkeit.

Die kostbaren Augenblicke der Gemeinsamkeit und der Geborgenheit teilen sich Leser und Leserin unmittelbar mit, auch dann, als Jakov unaufhaltsam seine Sprache verliert und verstummt, denn Herta findet im gleichen Ausmass zu der ihren. Er vermeide es, sagte Faes, «gefühlig» zu schreiben; das Gefühl müsse beim Lesen entstehen. Und fast beiläufig: «Ich habe die Menschen gern und es beschäftigt mich, wenn ihnen etwas zustösst.» (pd)

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