Rheintal
Gauner oder Opfer, das ist die Frage

Vor 80 Jahren wird in Vorarlberg ein Mann verhaftet, dessen schlechter Ruf auch in der Schweiz legendär ist.

Rolf App
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Am 7. Mai 1941 wird in Lustenau der Textilunternehmer Hermann Scheffknecht verhaftet. Die Nazis werfen ihm schwere Devisenvergehen, Betrug und Steuerhinterziehung vor, später kommt noch der Verdacht der Spionage hinzu. 34 Monate wird er in Haft bleiben, dann kommt er frei und flüchtet in der Nacht vom 18. auf den 19. Februar 1944 mit seiner Ehefrau, dem im Wehrdienst stehenden Sohn und zwei Töchtern in die Schweiz. Der Grenzbeamte, der dies ermöglicht hat, wird im Innsbrucker Gefängnis der gefürchteten «Geheimen Staatspolizei» (Gestapo) schwer gefoltert und dann zum Tode verurteilt. Vollstreckt wird dieses Urteil nicht mehr. Scheffknecht aber wird noch jahrelang eine Rehabilitierung zu erreichen suchen. Der fortan in der Schweiz Ansässige will Geld und Ehre zurück. Vergeblich.

Unversteuertes bei Schweizer Banken

Der Fall Scheffknecht ist auch deshalb so interessant, weil der Mann auf der Schweizer Seite des Rheins kein Unbekannter ist – und weil sich in seinem Leben auch ein Stück schweizerisch-vorarlbergische Textilgeschichte erzählen lässt. Deshalb hat der Historiker Peter Melichar auch in einem vergangenes Jahr erschienen Sammelband diesem «besonderen Grenzgänger» in Schweizer und österreichischen Archiven nachgeforscht.

Seit ihren Anfängen im 18.Jahrhundert ist die Stickerei in Vorarlberg und in der Schweiz eng verbunden. Die Stoffe werden dabei von Zwischenhändlern, den Ferggern, nach Vorarlberg geliefert, wo Stickerinnen und Sticker in Heimarbeit sie besticken. Ein reger Grenzverkehr entwickelt sich, und mit der Zeit nehmen auch Vorarlberger Unternehmer die Möglichkeit wahr, links wie rechts des Rheins Geschäfte zu machen. Zu ihnen gehört Ferdinand Scheffknecht, der 1915 in Au einen Filialbetrieb gründet. Nach seinem Tod 1918 übernimmt Sohn Hermann und «nutzte die Grenze allerdings auch, indem er einen Teil seiner Gewinne unversteuert bei Schweizer Banken anlegte», beschreibt Peter Melichar den steuertechnischen Teil von Hermann Scheffknechts Geschäftsmodell.

«Der grösste Lump auf dem Erdboden»

Mit Hermann Scheffknecht hat sich bereits die «Unabhängige Expertenkommission Schweiz- Zweiter Weltkrieg» befasst – und aus einem «Leumundszeugnis» der Gendarmeriestation Lustenau zitiert. Scheffknecht werde «von seinen eigenen Brüdern öffentlich als der grösste Lump auf dem Erdboden» bezeichnet, heisst es da. Jedem Kind in Lustenau sei er unter dem Spitznamen «Der Schlaue» bekannt, er verdanke dies seinem Grundsatz, dass er «für das Geschäft über Leichen gehe, und wenn es seine nächsten Angehörigen wären».

Ist das nun Wahrheit? Oder Geschäftsneid, wie der Lustenauer NSDAP-Bürgermeister Hans Grabher noch im September 1940 in seinem «Leumundszeugnis» vermutet? Dass Hermann Scheffknecht reich ist, zeigt er mit der Jugendstil-Villa, die er sich in der Nähe der Firma bauen lässt. Gern strengt er auch Prozesse gegen jene an, die ihm unlautere Geschäftspraktiken vorwerfen. Nicht immer mit Erfolg. Das Oberlandesgericht Innsbruck etwa hält seine «Lügenhaftigkeit» für nachgewiesen. Als 1938 in Österreich die Nationalsozialisten an die Macht kommen, sichert sich «Der Schlaue» ab. Auf der einen Seite überträgt er Wertschriften und Guthaben beim St.Galler Bankhaus Wegelin einer langjährigen Vertrauten, und er schliesst in der Schweiz zwei hoch dotierte Rentenversicherungen ab. Auf der andern Seite wird er Mitglied der Deutschen Arbeitsfront und Anwärter auf die Mitgliedschaft in der «Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei» (NSDAP). Und er übernimmt gern den Betrieb eines geflüchteten jüdischen Textilfabrikanten.

Doch nützen wird ihm diese Anbiederung an die Nazis ebenso wenig wie die Meldung bisher verschwiegener Vermögenswerte. Die Behörden vermuten: da ist noch mehr. Und lassen ihn verhaften. Bei der Betriebsprüfung findet man gefälschte Unterlagen. Da nützt es auch nichts, dass Scheffknechts St.Galler Anwalt Wilhelm Fässler alle Register zieht und seine Frau Maria sich an Nazi-Grössen wendet. Der zentrale Ermittler in Feldkirch bekundet die Absicht, «Scheffknecht zur Strecke zu bringen». Man wollte, so Melichar, «offensichtlich ein Exempel statuieren und zeigen, dass man im Rahmen der völkischen Neuordnung die Grossen nicht mehr laufen lasse». Sogar ein Todesurteil steht im Raum. Weshalb Scheffknecht auch nachgibt. Seinen Betrieb kauft ein Konkurrent. Ihn nach 1945 zurückzubekommen, weil er ein politisches Opfer des Nationalsozialismus gewesen sei, das gelingt Hermann Scheffknecht nicht mehr. Die zuständige Finanzprokuratur erblickte in seinem Ansinnen den Versuch, «ein völlig ordnungsgemässes Finanzverfahren in eine nationalsozialistische Willkürmassnahme umzudeuten».

Hinweis

Peter Melichar: Ein besonderer Grenzgänger: Der Unternehmer Hermann Scheffknecht aus Lustenau, in: Nicole Stadelmann/Martina Sochin D’Elia, Peter Melichar (Hg.): Hüben & Drüben, Universitätsverlag Wagner 2020