Für die Zeit danach gut vorbereitet

Nach 32 Jahren übergibt der Widnauer Allgemeinmediziner Ueli Thürlemann seine Arztpraxis an Dr. med. Dominik Frei. Ab September arbeiten die beiden Mediziner noch Hand in Hand. Am 1. März 2012 wird dann Dominik Frei die Praxis übernehmen.

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Ueli Thürlemann mit Enkelin Zoe: «Vielleicht übernimmt die übernächste Generation die Praxis.» (Bild: Susi Miara)

Ueli Thürlemann mit Enkelin Zoe: «Vielleicht übernimmt die übernächste Generation die Praxis.» (Bild: Susi Miara)

Herr Thürlemann, können Sie sich noch an den ersten Tag in Ihrer Praxis erinnern?

Ueli Thürlemann: Ein gefülltes Wartezimmer mit vielen gegenseitigen Erwartungen.

Haben Sie die Praxis übernommen oder eine neue eröffnet?

Thürlemann: Ich habe die Praxis meines Vaters übernommen. Er wiederum war Nachfolger von Dr. Hofstetter, dem ersten Arzt in Widnau.

Strömten die Patienten sofort scharenweise in die Praxis?

Thürlemann: Die Sprechstunde dauerte manchmal bis abends 21 Uhr. Ich wollte die Patientinnen und Patienten zuerst kennenlernen. Die Konsultationen dauerten deshalb anfänglich etwas länger.

Sind die Patienten heute anders als vor 32 Jahren?

Thürlemann: Einerseits sind die Patientinnen und Patienten viel kritischer geworden. Das hat Vorteile und ist auch für den Arzt eine Herausforderung. Nachteilig ist, dass die Informationen, mit denen die Leute erscheinen, häufig ungenau sind, weshalb meist erst Irrtümer ausgeräumt werden müssen. Andrerseits lassen sich, im Gegensatz zu früher, verunsicherte Leute – ich mache die Erfahrung, dass es meist Frauen sind – von alternativmedizinischen Angeboten verschiedenster Couleur wegen Banalitäten «behandeln». Das reichste Land der Welt mit der gesündesten Bevölkerung hat die meisten «Gesundbeter», während die Ärmsten auf dieser Erde nicht einmal eine minimale Grundversorgung beanspruchen können.

Gab es auch Zeiten, in denen Sie Patienten ablehnen mussten?

Thürlemann: Grundsätzlich habe ich Patientinnen und Patienten nicht abgewiesen, ausser, wenn meine Anordnungen nicht befolgt wurden oder Wünsche vorgetragen wurden, welche ich nicht verantworten konnte, was allerdings sehr selten vorkam. Die Leute merkten schnell, dass bei mir keine unethischen Gefälligkeiten zu erhalten waren. Die Behandlung wurde und wird, allerdings unter Berücksichtigung der Patientenwünsche, von mir selbst bestimmt. So konnte ich die «Spreu vom Weizen» trennen.

Was sagen Sie zu einem Patienten, der bereits mit einer Diagnose aus dem Internet zu Ihnen kommt?

Thürlemann: Die Informationen aus dem Internet, den TV-Sendungen oder aus den Druckerzeugnissen werden häufig fehl eingeschätzt. Die in den Medien vorgebrachten gesundheitlichen Störungen sind nur allgemein gehalten. Die individuelle Situation sieht meist anders aus.

Gab es Momente, in denen Sie dachten, lieber einen andern Beruf gewählt zu haben?

Thürlemann: Zu keinem Zeitpunkt. Jeder Tag meiner über 32-jährigen Tätigkeit in der freien Praxis als Grundversorger war geprägt von Freude und Verantwortungsbewusstsein meinerseits und Dankbarkeit der Patientinnen und Patienten andrerseits.

Was finden Sie schön an Ihrem Beruf?

Thürlemann: Ich kenne keinen andern Beruf, der ein so vielfältiges Verständnis vom Menschen (Körper, Geist, Seele) in seiner Umgebung (familiäre, soziale, berufliche Verhältnisse) verlangt und in dem die zu treffenden Massnahmen so vielfältige Folgen haben können. Das Wissen um die naturwissenschaftlich erklärbaren Vorgänge im menschlichen Körper einerseits und die geistig-seelischen Reaktionen und Befindlichkeiten andrerseits und diese zu ergründen, sind faszinierend. Zu versuchen, diese Zusammenhänge zu verstehen, ist eine grosse Herausforderung. Wenn die ärztliche Tätigkeit aber zur Gewohnheit wird, flaut die Begeisterung ab, und das ist nicht gut.

Und was fällt negativ auf?

Thürlemann: Die berufliche Situation der Grundversorger verschlechtert sich zunehmend. Die grosse Verantwortung als Einzelkämpfer, das wirtschaftliche Risiko, die zunehmende, bürokratische Arbeit, Sparübungen des BAG in der ambulanten, privaten Medizin und die Schlechterstellung der Allgemeinpraktiker halten viele junge Ärzte davon ab, in die Hausarztpraxis zu gehen. Seit geraumer Zeit ködern die Swica Gesundheitszentren Kunden mit tieferen Prämien, Gratis-Untersuchungen und – mit Wurst und Brot (ich gebe hiermit noch den Senf dazu). Ganz in der Nähe bieten auch die Einkaufszentren Migros, Coop und Aldi ebenfalls Aktionen an. Es ist problematisch, dass die von der Swica angestellten Ärzte Patientinnen und Patienten im Auftrag ihrer Arbeitgeberin, der Krankenkasse, behandeln, die die Leute gleichzeitig auch versichert. Der Interessenkonflikt ist programmiert.

Gab es in Ihrer Praxis auch lustige Begegnungen? Können Sie uns eine verraten?

Thürlemann: In der ärztlichen Praxis geht es in der Regel nicht lustig zu und her. Die Ausnahme bilden etwa die Gespräche mit einem älteren Mann, den ich seit 30 Jahren behandle. Fast jedes Mal bringt er am Schluss der Konsultation noch einen träfen Witz. Ein weiteres Beispiel: Vor Jahren brachte ein Vater mitleidig seine Tochter, die wegen eines verstauchten Daumens nicht in die Turnstunde wollte. Verständlich. Aber halt! Den vom Mädchen gekonnt bläulich gefärbten Finger konnte ich mit Wundbenzin rasch «wiederherstellen». Der Vater war ob des Onkel Doktors «Wunderheilung», bzw. meiner Klarstellung, sehr aufgebracht und zeigte kein Verständnis für meine Behandlung. Schliesslich überbrachte er mir an Weihnachten reumütig ein Kaninchen zum Schmaus als Wiedergutmachung.

Was war Ihr schlimmster Fall?

Thürlemann: Ich möchte keine «Rangordnung» vornehmen. Patienten durch den Tod zu verlieren, war jedes Mal ein bewegter Moment. Ein Herz-Kreislaufversagen eines jüngeren Mannes infolge Infarkts im Kreise seiner Angehörigen trotz frühzeitiger und konsequenter Reanimation, der plötzliche Kindstod mit der unsäglichen Trauer der Familie über viele Monate, der Verlust zweier lieber Freunde durch einen Verkehrsunfall, um nur einige zu erwähnen, waren auch für mich sehr schmerzliche Ereignisse.

Sie übergeben Ihre Praxis in neue Hände. Tut es nicht weh, dass nicht ein Familienmitglied die Nachfolge antritt?

Thürlemann: Ich hätte es gerne gesehen. Ich bin aber froh, dass unsere vier Kinder Berufe gewählt haben, in denen sie ebenfalls glücklich und kompetent wirken können. Wichtig ist auch, dass ich nach mehreren Ausscheidungen einen vielversprechenden Nachfolger gefunden habe. Ich bin dies meinen Patientinnen und Patienten schuldig.

Wird es Sie nach der Übergabe nicht noch in die Praxis ziehen?

Thürlemann: Unsere Familie hat über 50 Jahre hier gewohnt. Die Liegenschaft zu verlassen, fällt nicht leicht. Ich wollte einen rationalen und nicht einen emotionalen Entscheid fällen. Es bleiben viele gute Erinnerungen.

Bleiben Sie dann in Widnau?

Thürlemann: Nicht in Widnau, aber in der Nähe. Wir werden uns in Rebstein ein neues Heim einrichten.

Als Arzt waren Sie manchmal rund um die Uhr im Einsatz. Was fangen Sie jetzt mit der vielen Zeit an?

Thürlemann: Ich bin auf die «Zeit danach» gut vorbereitet. Wir werden reisen und unsere kulturellen Aktivitäten im In- und Ausland noch verstärken können. Ein zweites Studium ( z. B. Architektur oder eine weitere Sprache erlernen) ist nicht ausgeschlossen. Meine wunderbare und multitalentierte Frau wird mir eventuell Klavierunterricht erteilen. Sie befürchtet allerdings, einen schwierigen Schüler zu bekommen. Ferner werden wir mit grosser Freude Enkelkinder betreuen und den Freundeskreis pflegen. Die sportliche Betätigung, die ich während meiner beruflichen Tätigkeit immer wieder «gepredigt» habe, wird hoffentlich nicht zu kurz kommen. Obwohl ich scheinbar viel mehr Zeit haben werde, werde ich zum Beispiel. die Fahrt mit dem Bike an einem einzigen Tag über sechs Alpenpässe ( Engadin und Veltlin ) nicht mehr wiederholen.

Was möchten Sie zum Schluss Ihren Patienten sagen?

Thürlemann: Beste Gesundheit, für welche sie aber viel selbst beitragen sollen, ein gutes Verhältnis zu meinem Nachfolger, und ich möchte mich bei allen Patientinnen und Patienten für ihr Vertrauen herzlich bedanken.

Interview: Susi Miara

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