Frühling und Galanthomanie

Garten

Urs Stieger
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Begehrlichkeiten im Frühling: Galanthus. (Bild: Urs Stieger)

Begehrlichkeiten im Frühling: Galanthus. (Bild: Urs Stieger)

Wie haben wir uns gefreut auf die ersten Schneeglöckchen, die Winterlinge, Krokusse. Auf die Netzblattiris (Iris reticulata«Ka- therine Hodg-kins»). Die Krokusse brachten blaue Farbe ins braune Erdfeld der Staudenbeete. Das fast grelle Pink der Cyclamen im frischen Grün der wachsenden Gräser liess Reif und Schnee vergessen. «Frühling, ja du bist’s!» Mörikes Gedicht liesst man wieder.

Alles vorbei! Die zarten Frühblüher sind schon vergilbt. Dort, wo die ersten Bienen ihre Arbeit getan haben, werden Samen produziert. Die grossen Schneeglöckchenfelder würden herbstlich aussehen, wären da nicht die Stauden, die sie zudecken. Wenn dann die Ameisen wieder wach sind, gibt’s die grosse Verteilaktion! Viele Samen haben Futteranhängsel für Insekten wie die Ameisen, die ihn sammeln und dadurch verteilen. Das ist aus- serordentlich interessant! Es gibt Dokumentationen, wie sich Schneeglöckchen über grosse Felder in Wellen verbreiten. Aussäen tun aber die Ameisen.

Alle die Frühlingsblüher hätten keine Chance, kämen sie später mit ihrer Blüte. Der «Trick» der Pflanzen, früher als andere zu blühen, sichert das Überleben. Im April, spätestens im Mai sind in Natur und Garten die Stellen mit Frühblühern von konkurrenzstarken anderen Pflanzen überwachsen. Der Winterling (Eranthis hyemalis) wächst noch einige Zeit mit, bis er seine Samen aus den glatten Hülsen herausgeschleudert hat. Dann zieht auch er ein.

Man verpflanzt die Frühlingsblüher jetzt nach der Blüte, auch ist es möglich, zum Beispiel Schneeglöckchen während der Blüte umzupflanzen. Das kommt all denen zugute, die von dieser neuen, mysteriösen Krankheit angesteckt wurden: «Galanthomanie». In der Psychiatrie ist das neue Phänomen noch nicht ausgiebig erforscht. Tendenziell sind eher Frauen im fortgeschrittenen Alter betroffen, aber in den vielen Selbsthilfegruppen gibt es auch Männer. Ihr Stoff, den sie ohne jede Heimlichkeit handeln, sind kleine Zwiebelchen, manchmal nicht grösser als eine Erbse, für die Unsummen bezahlt werden. Die Betroffenen scheuen weder Kosten noch Wege über Hunderte, ja Tausende Kilometer, um zum Beispiel in England an ein solches Zwiebelchen zu kommen. Die werden nicht gegessen, sondern umgehend eingetopft. Die Blüte, die dann hoffentlich aus diesem Zwiebelchen erwächst, hat eine völlig andere Zeichnung. Auf seinen Blütenblättchen sind völlig andere Grüntöne. Ganz klar erkennbar. Zumindest etwas hellere grüne Tupfen als die der üblichen Einheitsware. Das darf schon einmal einen Wochenlohn kosten.

Galanthus sind Schneeglöckchen.

Ist das Leidenschaft? Oder schon Sucht?

Urs Stieger

Berneck

www.u-stieger.com