«Freude, schöner Götterfunken!»

Beethoven macht es, nicht nur in seiner 9. Symphonie, etwas wie der Winter. So etwa nach der Mitte hat man den Eindruck, so tönt das Finale, doch schon kommt er wieder. Und nochmals geht es weiter. Wenn dann bei Beethoven der letzte Paukenschlag folgt, ist wirklich Schluss.

Urs Stieger Berneck, Www.u-Stieger.com
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SONY DSC (Bild: Picasa)

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Beethoven macht es, nicht nur in seiner 9. Symphonie, etwas wie der Winter. So etwa nach der Mitte hat man den Eindruck, so tönt das Finale, doch schon kommt er wieder. Und nochmals geht es weiter. Wenn dann bei Beethoven der letzte Paukenschlag folgt, ist wirklich Schluss. Beim Winter weiss man es nicht so genau. Bis zu seinem letzten Paukenschlag kann es Mai werden. Was für eine grausliche Vorstellung!

Im Dezember noch habe ich Tulpen gepflanzt – oder besser gesagt, gesteckt. Hunderte! Beim Grossverteiler habe ich die Gestelle gesehen mit den nicht verkauften Blumenzwiebeln. Und habe das so schnell, schnell ausgerechnet und mir die Berge von Tulpenzwiebeln auf den Lastwagen vorgestellt, die auf den Kompost fahren oder sogar in die Verbrennung, weil das Trennen von Verpackung und Zwiebeln zu aufwendig ist. Unerträglich! So habe ich für wenig Geld Massen von Zwiebeln heimgebracht. Aber auch ein grosser Garten, gerade wenn er nicht neu ist, hat beschränkten Platz. Ich suchte dann Flächen im Garten, die grösser sind als meine Hand und dadurch Platz boten, um Tulpen zu pflanzen. Dass Gartenliebhaber das machen, bei Schneefall und mit klammen Fingern, während andere Glühwein am Weihnachtsmarkt trinken, ist ja fast irrational. «Freude heisst die starke Feder in der ewigen Natur!», heisst es bei Schiller, auch wenn die Feder bei mir an vielen Orten schon etwas Rost angesetzt hat. Doch macht sich die «Tochter aus Elysium» bemerkbar und kann den Garten, wenn auch vielleicht nur für Minuten, zum Elysium, zur Insel der Glückseligen machen.

Das wird er jetzt hoffentlich bald werden, und nicht wenig! Einige Frühjahrsblüher, wie Winterling oder gewisse Schneeglöckchen, sind ja schon verblüht. Eine der kleinsten Blumen, die wir im Garten haben, hat sich trotz ihrer Zartheit zwischen grossen Erdklumpen ans Licht gekämpft: Scilla bifolia, der zweiblättrige Blaustern. Ihm gefällt der eher feuchte Boden an halbschattiger Stelle. Seine ganz kleinen Blüten leuchten auf dem noch nackten Boden vor den Krokussen, die ihm dann in Grösse und Farbigkeit die Show stehlen. «Freude, schöner Götterfunken!» Das Gedicht Schillers, der es als politischer Flüchtling in weit unruhigeren Zeiten geschrieben hat als wir es hier bei uns momentan haben, ist es Wert, (wieder) einmal gelesen zu werden, wenn man dann fähig ist, historische Texte in die Gegenwart zu adaptieren.

Ein Elysium, eine Insel oder ein Garten der Glückseligen, sind wir wohl nie gewesen. In die grossen Gräben, die in letzter Zeit in unserem Land aufgerissen wurden, werden keine Hecken, Bäume, Tulpen gepflanzt. Trotzdem, Schillers Appell in unruhiger Zeit gilt auch heute noch, zumindest für mich: … alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt … Nur «Schwestern» hätte ich noch zugefügt.

Bild: Urs Stieger

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