Frauen haben es oft schwer(er)

Dem Stadtrat wird ab 2017 keine Frau mehr angehören. Das finde ich schade, denn idealerweise sollte die oberste Exekutivbehörde in Bezug auf die Geschlechter, auf die Parteien und auf die soziologische Herkunft ausgewogen zusammengesetzt sein.

Margrit Mattle-Lindegger
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Heute wird in grossen Firmen darauf geachtet, dass auf allen Führungsebenen gemischte Teams arbeiten, vor allem geschlechtlich gemischte Teams. Was für Privatunternehmen vorteilhaft und gut ist, müsste erst recht für ein Gemeinwesen, das allen dienen muss, gelten. Eine Gemeindebehörde muss alle Interessen vertreten und alle bedeutenden Anspruchsgruppen einbeziehen. Deshalb ist es wichtig, dass auch die Geschlechter einigermassen gleichmässig vertreten sind. Ich akzeptiere aber selbstverständlich das Altstätter Wahlresultat und mache keine Wähler(innen)schelte. Das Wahlvolk ist der Souverän.

Wenn ich mein Bedauern über die Zusammensetzung des Stadtrates äussere, prallt mir von Männern oft der Satz entgegen: «Ihr Frauen müsst halt gute Frauen als Kandidatinnen bringen.» Eine solche Haltung akzeptiere ich nicht. Es darf nicht sein, dass Männer die Verantwortung für eine ausgewogene Zusammensetzung des Rates einfach an die Frauen delegieren. Auch die Parteien, die Berufsverbände, die sozialen Gruppierungen und jedes Gremium, das auf Kandidatensuche geht, hat die Verantwortung, Männer und Frauen als Kandidatinnen und Kandidaten zu gewinnen.

Frauen fürs Soziale

In den frühen Achtzigerjahren nahm ich in Altstätten an einer politischen Versammlung teil, an der es um die Nomination für den Gemeinderat ging. Ein Mann sagte: «Warum nicht auch einmal eine Frau? Wir haben Altersheime und Jugendprobleme. Das wären doch geeignete Themen für eine Frau.»

Solches Denken findet man heute noch. Frauen wird häufig die Fähigkeit abgesprochen, bei Sachthemen so kompetent «wie ein Mann» mitreden zu können. Diese Haltung stammt aus einer Zeit, da die Frau ausschliesslich im Haus tätig war und sich nicht mit öffentlichen Belangen beschäftigte.

Heute ist es fast umgekehrt. Es sind oft Frauen, die sich für das Gemeinwohl betätigen. Sie machen neben ihrer häuslichen Tätigkeit und ihrer Erwerbsarbeit in Quartiervereinen mit, in Elterngruppen, sie kümmern sich um die schulischen Belange, leisten vielerorts Freiwilligenarbeit oder engagieren sich in kulturellen Gruppen. Oft sind es Frauen, die kranke und alte Verwandte betreuen und sich in einschlägigen Themen gut auskennen. Aber in den Räten sind es mehrheitlich Männer, die unsere Spital- und Altersheimpolitik bestimmen. Frauen und Mütter gehen mit ihren Kindern auf Spielplätze, auf den Schulweg oder in die Badi. Wenn es aber um diesbezügliche Bauten geht, bestimmen mehrheitlich Männer. Es wird dann das Argument vorgebracht, es gehe bei solchen Themen hauptsächlich um Finanzfragen. Im Unterton ist herauszuhören, dass Männer mehr von Finanzen und vom Bauen verstünden als Frauen. Das sind recht verbreitete Vorurteile, die auch jungen Frauen bekannt sind. Das ist denn oft auch der Grund, weshalb junge Frauen, die ich für die Politik gewinnen möchte, Vorbehalte gegenüber der Politik haben.

Den Frauen Mut machen

Ich versuche unermüdlich, Frauen für die Politik zu begeistern und für freiwerdende öffentliche Ämter zu gewinnen. Oft kommt aus Frauenmund die Antwort: «Davon verstehe ich nichts. Das traue ich mir nicht zu.» Wenn ich Männer für politische Ämter anfrage, kommt viel eher das Argument, man habe keine Zeit. Frauen müssen lernen, dass sie genau gleich viel von Politik verstehen wie Männer. Kommt hinzu, dass viele Frauen nur ungern einen Wahlkampf bestreiten. Sie suchen die Auseinandersetzung nicht und mögen sich nicht selber anpreisen.

Zunehmend wählt das Volk heute Parteilose in politische Ämter. Das Wort «Partei» hat bei vielen Leuten einen negativen Geschmack bekommen. Die Parteilosen nennen sich gern «parteifrei» oder «parteiunabhängig». Das soll ihnen ein positives Image verleihen.

In der kommunalen Politik spielt die Partei bei Sachfragen kaum eine Rolle. Und dennoch ist es für das Wahlvolk gut, wenn es weiss, welche grundsätzliche Gesinnung die Kandidierenden vertreten. Ist es eine liberale Sicht, Dinge zu entscheiden? Ist es eine bewahrende und konservative Grundhaltung? Ist es eine Grundhaltung, die auf sozialen Ausgleich hinwirkt?

In meinem Denken und Handeln fusste die Grundhaltung auf einem christlich-humanistischen Menschenbild, bei dem jeder Mensch seine unantastbare Würde hat und sich unabhängig seiner sozialen Herkunft und seines Geschlechts frei entfalten darf. In einer Zeit, da viele Menschen und mitunter auch die Politik auf eigene Vorteile bedacht sind, wird dieses Menschenbild leider oft als nicht mehr zeitgemäss betrachtet.

Die Kunst des Möglichen

Persönlich betrachte ich Politik immer noch als die Kunst des Möglichen. Für alles braucht es Mehrheiten. Als ich jung war, sprach man noch stolz von einem «freundeidgenössischen Kompromiss». Heute ist das Wort Kompromiss oft ein Schimpfwort. Viele wollen in der Politik ihren Vorteil herausholen und nicht mehr auf das Gegenüber hören, geschweige denn dem Gegenüber einmal recht geben und einen Kompromiss eingehen. Das ist in meinen Augen ein falscher Ansatz und unschweizerisch.

Regional(er) denken

Viele Gemeindeaufgaben wurden in den vergangenen Jahren regionalisiert. Das finde ich gut. Es könnten noch mehr sein, denn der Dörfligeist und ein Wettbewerb unter den Gemeinden, wer den tiefsten Steuerfuss hat, bringt selten die besten Resultate. Das bewährte Prinzip der Subsidiarität heisst: Aufgaben, die auf einer höheren Ebene besser gelöst werden können, soll man der höheren Ebene überlassen; der Region beispielsweise. Ich hoffe, dass in den nächsten Jahren noch mehr Aufgaben regional gelöst werden. Dadurch kann das Rheintal insgesamt gewinnen.

Junge Leute, vor allem Frauen, ermuntere ich, sich in Schulräten, in Gemeinderäten oder in anderen Gremien politisch zu engagieren. Der Einsatz für das Gemeinwohl ist zwar arbeitsintensiv, aber insgesamt sinnstiftend und persönlich bereichernd.

Margrit Mattle-Lindegger verlässt den Altstätter Stadtrat nach 16 Jahren.