FITNESS IM ALTER: Mit 85 noch in Topform

Wer im Alter selbstständig bleiben will, muss sich bewegen. Auch nach der Pensionierung sind körperliche und psychische Fortschritte noch möglich.

Anina Gächter
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Erika Jakob leitet mit 85 Jahren noch Atemgymnastik-Lektionen. (Bild: Anina Gächter)

Erika Jakob leitet mit 85 Jahren noch Atemgymnastik-Lektionen. (Bild: Anina Gächter)

Anina Gächter

Altersturnen, Fitnesscenter, Wandergruppen. Das Sportangebot für Senioren ist heute so gross wie nie. Da man heutzutage länger fit ist, steigt der Bedarf an Möglichkeiten zur körperlichen Betätigung im Alter. Man habe erkannt, dass es im Alter körperlich nicht zwingend nur abwärts geht, sondern dass man auch Fortschritte machen könne, meint Urs Trinkler, Heimleiter des Hauses Viva in Altstätten.

Steigerungspotenzial in allen Bereichen

Als Fitnessleiterin im Nöllen-Fitness in Widnau betreut Claudia Lukas Kunden jeden Alters. In den letzten Jahren beobachtete sie, dass auch immer mehr ältere Leute bei ihr trainieren. «Besonders am Morgen besteht unsere Kundschaft bis zu einem Fünftel aus Rentnern.» Das Training im Alter sei wichtig, denn bereits ab 30 Jahren beginne sich die Muskulatur zurückzubilden. Dem wirke nur ein regelmässiges Training entgegen. Viele Probleme und Schmerzen im Alter seien auf eine zu schwache Muskulatur zurückzuführen. «In so einem Moment den Körper zu schonen, ist der falsche Weg. Man muss ihn gezielt wieder langsam an die ­Belastung heranführen und die Muskulatur stärken», sagt Claudia Lukas.

Auch die Ausdauer lasse sich bis ins hohe Alter verbessern. Wer sich nicht an das Joggen auf dem Laufband wagt, kann seine Ausdauer auch auf dem Fahrrad oder dem Crosstrainer steigern. «Wir hatten sogar einen Kunden, der sich beklagt hat, weil seine Frau ihn ständig beim Wandern überholt, seit sie ebenfalls ins Fitness geht», erzählt Claudia Lukas lachend.

Die Koordination trainieren

Ein weiterer wichtiger Trainingspunkt im Alter sei die Koordination. Besonders das Gleichgewicht ist im Alltag wichtig, um beispielsweise Socken anzuziehen oder auf glatten Oberflächen zu laufen. Viele Fitnesscenter haben daher Koordinationsplatten, an denen man die koordinativen Fähigkeiten gezielt trainieren kann. Beim Trainieren mit Beckenbodengeräten kann über einen Bildschirm geprüft werden, ob der Muskel wirklich angespannt bzw. entspannt ist. Das Training der Beckenbodenmuskulatur diene unter anderem der Vorbeugung von Blaseninkontinenz. Ein Problem, das im Alter besonders Frauen betrifft. Auch spezifische Übungen oder Gruppenlektionen wie Pilates stärken den Beckenboden.

Sport als psychische Prophylaxe

Sport wirkt sich nicht nur körperlich, sondern auch psychisch positiv auf den Menschen aus. Koordinative Übungen verhindern den vorzeitigen Abbau der Gehirnleistung im Alter und beugen Konzentrationsschwierigkeiten und Gedächtnisschwächen vor. Auch das psychische Wohlbefinden kann durch verschiedene Sportarten gesteigert werden. Eine Alternative zu den klassischen Sportarten bietet die Atemgymnastik. Erika Jakob aus Berneck unterrichtet die Gruppenstunde schon seit 42 Jahren. In ihrem Training verbindet die 85-Jährige Elemente von Yoga, Tanz und Atemtherapie. Das gezielte Atmen sei eine psychische Prophylaxe für den Alltag. Die Teilnehmer würden lernen, durch gezieltes Atmen loszulassen und eine Hyperventilation in Stresssituationen zu unterbinden.

Trotz ihres Alters und einer Verletzung der Rotatorenmanschette turnt Erika Jakob jede Übung problemlos vor. «Mit meinen 85 Jahren möchte ich ein Vorbild für meine Kunden sein und ihnen zeigen, dass Sport bis ins hohe Alter möglich ist und einen jung hält», sagt die Berneckerin. Sie merke zwar auch, dass sie heute etwas mehr Erholung nach dem Sport brauche als noch vor ein paar Jahren. Trotzdem sei sie motiviert wie eh und je. Auch wer nicht mehr zu Hause wohnt und nicht selbstständig ins Fitnessstudio, in einen Verein oder in eine Gruppenstunde gehen kann, muss heutzutage nicht mehr auf Sport verzichten. Altersheime bieten immer mehr sportliche Betätigungsmöglichkeiten an.

Kurse auch in Heimen

Im Rheintal führt Pro Senectute in verschiedenen Heimen Turnstunden durch. Dabei werden durch verschiedene Übungen und Tänze Koordination, Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit gefördert. Im Haus Viva in Altstätten findet zusätzlich zweimal pro Woche ein von professionellen Physiotherapeuten geleitetes Zirkeltraining an Kraftgeräten statt. «Wir haben uns bewusst entschieden, das Training gratis anzubieten, damit es auch genutzt wird», sagt Urs Trinkler. Neben den offiziellen Zirkeltrainings dürfen die Heimbewohner die Kraft- und Ausdauergeräte selbstständig benutzen. Vom ­Angebot wird rege Gebrauch gemacht. «Jeden Morgen vor dem Frühstück fahre ich zehn Minuten auf dem Hometrainer», erzählt Silvia Studer. Daneben gehe sie jeden Tag spazieren und besuche montags das Pro-Senectute-Turnen und mittwochs das Zirkeltraining.

Als sie vor vier Jahren ins Haus Viva kam, habe sie Schwierigkeiten gehabt, zu knien und selbstständig wieder aufzustehen. Seit sie regelmässig trai­niere, sei dies wieder möglich. «Auch meine Rückenschmerzen spüre ich kaum, seit ich mich mehr bewege. Ich versuche deshalb, auch meine Freunde zum Training zu motivieren. Ich sehe, wie gut es mir tut und welche Fortschritte ich in meinem Alter noch gemacht habe», sagt die Heimbewohnerin.