Feingefühl für Menschen gekriegt

Seit mehr als 20 Jahren setzt sich Lily Gschwend für das Gemeinwohl ein. Jeder Aufgabe folgte eine weitere. «Ich habe jedes Mal das Richtige für mich gefunden», sagt sie. Auf einen Beruf verzichtet zu haben, bereut sie nicht.

Monika von der Linden
Merken
Drucken
Teilen

LÜCHINGEN. Lily Gschwend öffnet die Türe und begrüsst die Reporterin mit einem einladenden Lächeln. Im heutigen Gespräch steht nicht etwa eine Einrichtung im Mittelpunkt, sondern mit Lily Gschwend eine Frau, die seit Jahrzehnten Freiwilligenarbeit leistet. Lily Gschwend setzt sich für mehrere Einrichtungen ein, aber noch mehr für die Menschen, die dort ein- und ausgehen.

Stufenweise einarbeiten

Als ihre Töchter grösser wurden, wollte Lily Gschwend zu Hause für sie da sein. Dennoch mochte sie etwas ausser Haus tun. In die Freiwilligenarbeit konnte sie stufenweise einsteigen. Also dachte sie nur kurz nach, als man sie für das Präsidium der Frauen- und Müttergemeinschaft (FMG) anfragte. Damals gehörte sie noch keinem Verein an. «Es erstaunte mich umso mehr, dass man auf mich zukam und es freute mich sehr, dass man mir die Aufgabe zutraute», sagt sie.

Das war 1995. Im Rückblick war das Vertrauen der Lüchinger FMG berechtigt. Denn erst im Mai dieses Jahres gab Lily Gschwend ihr Engagement als Regionalvertreterin des Katholischen Frauenbundes St. Gallen-Appenzell in andere Hände.

Es war nötig geworden, eine Aufgabe abzugeben. Denn den stufenweisen Einstieg in die Freiwilligenarbeit praktizierte Lily Gschwend fast buchstäblich. Es ergab sich im Laufe der Jahre das eine oder andere Engagement (siehe Kasten). Heute gehört sie noch dem Kernteam im Altstätter eggPunkt (Abgabe von Lebensmitteln und Alltagsgegenständen an Bedürftige) und dem Besuchsdienst des Spitals Altstätten (Idem-Dienst) an.

Mutiger geworden

Kam durch ihre Freiwilligenarbeit eines ihrer Talente zum Vorschein?

«Weil ich offen bin und auf Menschen zugehe, habe ich viele Leute kennengelernt», antwortet Lily Gschwend. So habe sie ein Feingefühl entwickelt und gelernt, Menschen ohne Vorurteile zu begegnen.

«Ich bin mutiger geworden, weil ich weiss, dass ich einen Zugang zu mir fremden Leuten finde und sie mir oft vertrauen.» Das merkt sie sowohl im eggPunkt als auch beim Besuchsdienst.

«Wir nehmen niemandem einen Job weg», ist Lily Gschwend überzeugt. Ohne Freiwillige wäre die Betreuung alter und bedürftiger Menschen nicht bezahlbar. «Wir leisten das, was Berufsleute aus Zeitgründen nicht können.» So erhält Lily Gschwend stets Wertschätzung von den Menschen, denen sie Zeit und Unterstützung schenkt.

Den eggPunkt nutzen die Besucher wie einen Laden. Er ist ausserdem Treffpunkt für Gleichgesinnte, bei dem sich niemand schämen muss. «Die Gäste geben sich Tips, wie man zum Beispiel ein bestimmtes Gemüse zubereitet.»

Krankenschwestern und Ärzte zeigen sich dankbar für die unentgeltlich geleisteten Dienste im Spitalalltag.

Auch von anderer Seite zollen viele Leute Lily Gschwend Respekt. «Du machst so viel Freiwilligenarbeit, das könnte ich nicht», gibt sie manche Reaktion wieder. «Jede und jeder kann das, man muss nur das Richtige aussuchen», hält sie dagegen. «Ich hatte jedes Mal das Glück.»

Lily Gschwend möchte möglichst viele Leute animieren, sich mit dem Thema zu befassen. «Deshalb finde ich es wichtig, regelmässig etwas darüber zu lesen und zu hören», sagt sie zum Prix Benevol. Der Preis für Freiwilligenarbeit wecke die Leute auf. «Früher gab es keine derartige öffentliche Wertschätzung.» Sie sei aber wichtig, um dem drohenden Notstand vorzubeugen. «Jede Art der Freiwilligenarbeit ist wichtig, egal ob in den Kirchen, Vereinen oder im Spital.»

Teil des Lebenslaufs

Sie selbst habe den fehlenden Lohnzettel nie vermisst, sagt sie, und strahlt dabei viel Zufriedenheit aus. Dennoch sind ihr die erworbenen Zertifikate über Weiterbildungen und Schulungen wichtig. Sie sammelt sie sorgfältig im Benevol-Dossier «Freiwillig engagiert».

«Ich bewerbe mich nicht mehr und muss nichts mehr vorweisen.» Weil das Dossier aber als Teil des Lebenslaufs anerkannt ist, sei es für junge Leute eine grosse Hilfe. «Immer mehr Arbeitgeber anerkennen es als Beleg für Sozialkompetenz.»