Fastenzeit – nur etwas für Asketen?

Aus christlicher Sicht

Paul Hoch
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Die Fastenzeit dient der Vorbereitung auf Ostern, wie ein Foyer zu einem Konzert. (Bild: Keystone/Urs Flueeler)

Die Fastenzeit dient der Vorbereitung auf Ostern, wie ein Foyer zu einem Konzert. (Bild: Keystone/Urs Flueeler)

An was denken Sie, wenn Sie das Wort Fastenzeit hören? An Schlankheitskuren, asketischen Verzicht, Appelle für mehr Gerechtigkeit in der Welt?

Diese Begriffe gehören zur Fastenzeit, zweifelsohne. Doch machen sie ihren Kern aus? Meine Antwort ist: Nein. Ich formuliere deshalb zuerst noch andere Erwartungen und Anliegen an diese Zeit. Fastenzeit ist für mich in erster Linie Vorbereitungszeit, sie ist wie der Vorraum zu einem stattlichen, repräsentativen Saal. In keinen grossen Konzertsaal treten wir direkt nach der Eingangstür.

Gewöhnlich läuft das an einem solchen Ort so ab: In der Garderobe legen wir erst unseren Mantel ab, trinken vielleicht anschliessend an einem Stehtischchen ein Glas Prosecco und warten voller Vorfreude, dass wir auf unseren Platz im Saal dürfen. Wir hören vielleicht, wie sich hinter den Saaltüren die Musiker des Orchesters einspielen. Wir haben uns chic gemacht, sind so richtig in Stimmung, und all der Stress und die Sorgen des Alltags sind weit weg.

Ein solcher Konzertbesuch, wie ich mir ihn eben vorgestellt habe, tut von Zeit zu Zeit richtig gut. Und Sie werden mir recht geben, dass solch ein sinnlich-musikalisches Erlebnis ohne Vorbereiten zu Hause – mit Anziehen schöner Kleidung, passender Schuhe, Frisieren und Schminken bei den Damen, ohne Vorhalle mit Garderobe und Prosecco – nur halb so viel Charme hätte.

Was wäre es für ein Konzert, zu dem wir in Jogginghosen und Gartenhandschuhen direkt von der Garagentür in den Saal vors Orchester kämen? Genau das ist für mich der springende Punkt der Fastenzeit. Ostern, das wichtigste Fest der Christenheit, das Fest der Auferstehung, das Fest von Jesus Christus als dem Licht der Welt braucht eine Vorhalle. Es benötigt einen Korridor, der uns zum grossen Konzert der Freude über Jesu Sieg über die Endgültigkeit des Todes bringt. Bereiten wir uns also auf das bevorstehende österliche «Konzert» vor, indem wir uns Fragen wie die folgenden stellen: Was in mir und mich will ich nicht mit in den Konzertsaal nehmen? Was hindert mich am ultimativen Musikgenuss? Welche neuen Kleider möchte ich mir noch zulegen, damit ich mich im österlichen «Konzertsaal» wohl fühle?

Paul Hoch

Pastoralassistent in Widnau