Europameisterin aus Rebstein

Michelle Hug-Seitz hat an den Europameisterschaften der Herz- und Lungentransplantierten in Vantaa (Finnland) eine Goldmedaille gewonnen. Sie gewann im 100-Meter-Sprint. Seit vier Jahren lebt sie mit einem transplantierten Herzen.

Remo Zollinger
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Michelle Hug-Seitz (vorne, Mitte) mit ihrem Team in Vantaa.

Michelle Hug-Seitz (vorne, Mitte) mit ihrem Team in Vantaa.

LEICHTATHLETIK. Vantaa, eine unscheinbare Vorstadt von Helsinki, war in der letzten Woche Schauplatz der EM der Herz- und Lungentransplantierten. Menschen mit ähnlichen Schicksalen trafen zusammen, um sich in verschiedenen Disziplinen zu messen. Auf dem Programm standen Team- und Einzelsportarten, etwa Volleyball, Tennis oder Leichtathletik.

Eine der vergebenen Goldmedaillen geht in die Schweiz: Die in Rebstein aufgewachsene Michelle Hug-Seitz holte im 100-Meter-Sprint den ersten Rang. Mit 15,5 Sekunden Laufzeit unterbot sie ihre finnische Konkurrentin Lotta Pukkila um genau eine Hundertstelsekunde. Der dritte Rang ging nach England, Janka Penther holte sich in 17,5 Sekunden Bronze.

Die 31-jährige Michelle Hug-Seitz lebt seit 2012 mit einem Spenderherzen. Als sie 18 war, erlitt sie zwei Hirnschläge. Die Untersuchungen zeigten, dass ihr Herz zu gross ist und zu wenig Leistung erbringt. Durch Medikamente gelang es, die Herzinsuffizienz stabil zu halten, verbessert hat sich die Situation dadurch aber nicht.

Harter, erfolgreicher Kampf

2011 entschied sich Michelle Hug-Seitz nach langen Gesprächen mit ihren Ärzten zu einem Schwangerschaftsversuch. Dafür musste sie die Medikamente umstellen, was die Lage aber verschlimmerte. «Ich habe täglich erbrochen und selbst bei kleinsten Anstrengungen geschnauft wie eine alte Frau», sagt Michelle Hug-Seitz. Nachdem die Medikamente zurück umgestellt wurden, reagierte der Körper darauf nicht mehr. Es blieb nur noch eine Herztransplantation.

Jeden Tag ging es für sie um Leben und Tod, jeden Tag kämpfte sie. Mit Erfolg. Am Silvesterabend 2011 bekam sie die Nachricht, dass sie auf der Liste wäre. Michelle Hug-Seitz wurde als «urgent», dringend, gelistet. Einen Monat später wurde ihr das Spenderherz implantiert. Und nur drei Tage später sass sie bereits ein erstes Mal wieder auf dem Hometrainer.

Deutschland, Europa, Welt?

In ihrer Jugend war Michelle Hug-Seitz im Schweizer Kader der Sportschützen und spielte beim TV Rebstein Faustball. Mehrmals pro Woche machte sie Fitness, war sehr aktiv.

Daran änderte sich nichts. Nach der Herztransplantation schloss sich Michelle Hug-Seitz dem Sportverband des Schweizerischen Transplantiertenvereins an. Gleich bei ihrem ersten grossen Auftritt hatte sie Erfolg: 2014 trat sie an den Deutschen Transplantierten-Meisterschaften im Radfahren und im 100-Meter-Sprint an und holte Gold im Sprint. Die Zeit der Deutschen Meisterin aus dem Rheintal betrug 16,7 Sekunden. An der EM in Vantaa hat sie diese Zeit nun deutlich unterboten.

Zufrieden gibt sich Michelle Hug-Seitz damit aber noch nicht. «Mein nächstes Ziel ist es, meine Bestzeit von 15,5 Sekunden bei den Weltmeisterschaften in Malaga im nächsten Sommer zu unterbieten», sagt sie.

Ein Ort der Begegnung

In Andalusien wird ihre sportliche Konkurrenz grösser sein – es geht aber nicht nur darum. «An den Meisterschaften steht das Zusammenkommen mit anderen Menschen mit gleichem Schicksal im Vordergrund. Das Ziel ist es, zusammen das Leben zu feiern. Dankbar dafür zu sein, dass wir dank der Transplantationsmedizin heute noch so aktiv im Leben stehen dürfen», sagt Michelle Hug-Seitz.

Sie steht wieder mitten im Leben. Obwohl ihr eine halbe Rente zustehen würde, arbeitet sie heute wieder 100 Prozent als Notruf-Disponentin bei Schutz und Rettung Zürich. Sie trainiert fünfmal pro Woche – und hat es sich nebenher zur Aufgabe gemacht, ihre Mitmenschen zum Thema Organspende zu sensibilisieren. Sie ist bei mehreren Projekten aktiv, hält Vorträge und hatte auch einen Auftritt in der SRF-Sendung «Club».

Mit ihrem Mann André und Chihuahua Simba lebt Michelle Hug-Seitz in einem Eigenheim in Hämikon LU. Mutter geworden ist sie nicht. «Jetzt ginge es besser als zuvor, aber wir haben uns anders entschieden», sagt sie.

Michelle Hug-Seitz (Mitte) mit ihrer Goldmedaille. Links die Britin Janka Penther mit Bronze, rechts die Finnin Lotta Pukkila mit Silber. (Bilder: pd)

Michelle Hug-Seitz (Mitte) mit ihrer Goldmedaille. Links die Britin Janka Penther mit Bronze, rechts die Finnin Lotta Pukkila mit Silber. (Bilder: pd)