«Es waren neue Träume nötig»

KRIESSERN. «Es könnte immer noch schlimmer sein.» Mit Hilfe dieses Leitsatzes hat es Silvano Beltrametti geschafft, trotz der Querschnittslähmung wieder selbständig zu werden. Heute ist er ausserdem zufrieden und glücklich.

Monika von der Linden
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Silvano Beltrametti: «Warte nicht auf den Erfolg, verursache ihn.» (Bild: Monika von der Linden)

Silvano Beltrametti: «Warte nicht auf den Erfolg, verursache ihn.» (Bild: Monika von der Linden)

Es war ein ruhiges Referat, das Silvano Beltrametti gestern hielt. Ruhig die Art, mit der er von seinem Skiunfall vor dreizehn Jahren berichtete, die ihm daraus resultierenden Veränderungen und seinem Kampf zurück ins Leben. Ruhig waren auch seine siebzig Zuhörerinnen und Zuhörer. Sie waren gestern zum 6. Kriessner Gwerblerstamm ins Pfarreizentrum gekommen.

«Der Motor für Kriessern ist das Gewerbe.» Die gastgebende Raiffeisenbank Kriessern ist ein KMU mit zehn Angestellten. «Wir wissen, was es heisst, unternehmerisch zu handeln und sich am Markt zu behaupten», sagte Bankleiter Patrick Quauka. «Wir wollen der ganzen Region zeigen, was das Kriessner Gewerbe kann. «Umgang mit Veränderungen» war der Gwerblerstamm überschrieben. Jedes Unternehmen muss sich Veränderungen im Betrieb und am Markt immer wieder stellen.

Im Bruchteil einer Sekunde

Anhand eines Filmes holte Silvano Beltrametti die ganze Tragik seines Unfalls in den Raum – mit glücklichen Szenen des Erfolgs, mit Bildern auf dem Weg zur Spitze, vom Unfall sowie dem längsten und härtesten Trainingslager seines Lebens.

«Veränderungen haben mit der Vergangenheit zu tun.» Als dreizehnjähriger Bursche habe er den Traum gehabt, auf der Siegertreppe einmal ganz oben zu stehen. Im Jahr 2002 war das Ziel in Salt Lake City greifbar. Doch am 8. Dezember 2001 – in Bruchteilen einer Sekunde – wurde diesem Burschen alles genommen. Alles, wovon er geträumt hatte, alle Visionen, die berufliche Existenz, die Mobilität, die Hobbies, die Selbständigkeit waren Vergangenheit.

«Für mich war es wichtig, die Wahrheit schnell zu erfahren.» Es war für den jungen Sportler zwar ein Schlag ins Gesicht, alle Visionen und Ziele dahinfliessen sehen zu müssen. «Aber es war die Wahrheit.» Sich mit der Veränderung zu befassen heisse, die Vergangenheit loszulassen, sagte Beltrametti. Als er während der Rehabilitation in Nottwil ein vierzehnjähriges Mädchen kennenlernte, das sich nicht bewegen konnte, sagte er sich: «Es könnte immer noch schlimmer sein.» In dem Moment habe er nicht mehr mit dem Schicksal gehadert.

Grundstein für Selbständigkeit

«Es waren neue Träume und Visionen nötig», sagte Beltrametti. Er wollte wieder selbständig, glücklich und zufrieden werden. Ein erstes kleines Ziel mit grosser Herausforderung war, in der Rehabilitation selbst ein T-Shirt anzuziehen. «Das war am Anfang eine Challenge.» Als er es nach drei Tagen geschafft hatte, war er stolz. «Ich hatte etwas Kleines ganz selbst gemacht.»

Nach fünf Monaten in der Rehabilitation hatte er den Grundstein für die Selbständigkeit gelegt. «Ich war aber noch immer nicht glücklich und zufrieden.»

Es waren weitere Puzzlesteine nötig, um diesen neuen Traum in Erfüllung gehen zu lassen. Silvano Beltrametti schaffte sich ein neues berufliches Fundament, um beruflich wieder erfolgreich zu werden. Zunächst im Sportmarketing. Heute ist er Hotelier, führt mit seiner Frau ein Drei-Sterne-Hotel in seiner Heimat, in Lenzerheide.

Mut, Selbstvertrauen und Erfolg

Mut und Selbstvertrauen bewies der ehemalige World-Cup-Fahrer, als er Monoskibobfahren erlernte. Anfangs fiel er immer wieder um, musste sich von Freunden wieder aufrichten lassen. «Es tat weh, weil ich die Komponenten des Schnees einmal im Griff hatte.» Heute ist es kein Ding mehr. Der Erfolg gab ihm die Lebensfreude zurück. Im Sommer schaltet er auf dem Handbike vom Alltag ab. Die Fitness ist nötig, um den Rollstuhl ins Auto zu laden. Wäre er nicht fit, wäre seine Mobilität träger und die Selbständigkeit kleiner.

«Vier Jahre nach dem Unfall war ich wieder zurück im Leben.» Die Zufriedenheit und das Glücklichsein waren zu ihm zurückgekehrt.

«Die Vergangenheit ist Geschichte. Egal, welches Schicksal einen trifft. Jeder kann aus einer Veränderung etwas herausholen», schloss Silvano Beltrametti.

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