«Es stimmt, es läuft gut»

BERNECK/ST.GALLEN. Wer die 67 Stufen zum Büro Bänziger Hug hochsteigt und eintritt, wähnt sich eher in einer Wohngemeinschaft als in einem aufstrebenden Unternehmen. Aber das Geschäft floriert. Eines der schönsten Bücher des letzten Jahres ist hier entstanden.

Gert Bruderer
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Jung und sehr erfolgreich: Die Bernecker Olivier Hug und Samuel Bänziger teilen sich ihr St. Galler Büro mit zwei Architekten: dem aus Thal stammenden Peter Hutter und dem Portugiesen Ivo Barão (von links). (Bild: Gert Bruderer)

Jung und sehr erfolgreich: Die Bernecker Olivier Hug und Samuel Bänziger teilen sich ihr St. Galler Büro mit zwei Architekten: dem aus Thal stammenden Peter Hutter und dem Portugiesen Ivo Barão (von links). (Bild: Gert Bruderer)

BERNECK/ST. GALLEN. «Büroräume sind es nicht wirklich», sagt Samuel Bänziger, der Grafiker, «es war ja vorher eine Wohnung.» Sein Geschäftspartner kommt sogleich dazu – Olivier Hug, der Programmierer. Ganz gleich, was hier, fast zuoberst in einem Altstadthaus, entsteht – es ist in jedem Fall das Werk von beiden, auch wenn einer es alleine macht. Zum Beispiel das prämierte Buch. Samuel Bänziger hat es gestaltet, aber Olivier Hug den scharfen, unbestechlichen Blick des Programmierers drauf geworfen. Zumindest als kritischer Geist begleitet jeder die Arbeit des andern.

Ihre Lebensläufe haben fast so viel gemein wie die von Zwillingen. In Berneck sind beide aufgewachsen, gut hundert Meter voneinander entfernt. Sie besuchten die gleiche Primarklasse, die gleiche Sekundarschulklasse und haben, nach der Ausbildung, in Berneck zusammen gearbeitet, mal im Elternhaus des einen, dann in dem des andern. Heute, 29-jährig, teilen sie, nahe beim roten Platz in St. Gallen, ihr gemeinsames Büro der Bänziger Hug GmbH mit zwei Architekten.

Scharfe Richtungswechsel

Samuel Bänziger wusste schon früh, dass er Grafiker werden wollte. Doch der ältere Bruder, ein Grafiker, riet davon ab. Zu wenig Perspektiven. In der Lehre als Dekorationsgestalter hatte Samuel Bänziger Schulprojekte zu dokumentieren und diese Arbeiten schön zu gestalten, was ihn faszinierte. Also wurde er doch noch Grafiker – und sagt jetzt: «Mein Erfolg hat auch den Bruder überzeugt.» Olivier Hug bastelte schon mit fünfzehn Computer zusammen, besuchte die Kanti mit Schwerpunkt Wirtschaft, machte an der Uni in St. Gallen den Master in Banking und Finance – und verliess die Universität als Computerexperte. Die verschiedenen Programmiersprachen hat er sich selbst beigebracht. Als Freelancer finanzierte er sich das Studium und wurde er reich, aber nur an Erfahrungen.

Spannende Kontraste

Bald kam, dank namhafter Aufträge, das Renommée dazu. Und nun hat Samuel Bänziger, dem das Kulturmagazin «Saiten» das Layout verdankt, massgeblich ein Buch mitgestaltet, das als eines von 22 Werken zu den «schönsten Schweizer Büchern» des letzten Jahres gehört. 421 Werke wurden eingereicht. Eine fünfköpfige Jury hat prämiert, das Bundesamt für Kultur den Wettbewerb durchgeführt.

Das Buch zeigt Geschäftshäuser, Büros, die in ihnen herrschende Atmosphäre, enthält zahlreiche Fotos und Architekturpläne. Samuel Bänziger hat bei der Platzierung der Texte und Bilder Strukturen freigelegt, den Inhalt klar gegliedert. Solche Ordnung ist dem eigenen Büro verwehrt, Kontraste sind hingegen wie im Buch vorhanden. Schachteln und Bücher verdecken teilweise das Tafelparkett (in Bücher investierte Bänziger sein ganzes Lehrlingsgeld), auf Heizkörpern liegt Papier, die Küche ist vollgestopft mit Architekturmodellen und irgendwelchem Material. Nur auf die Stukkaturen an der Decke ist die Sicht ganz frei, keinen Leuchtkörper umgibt ein Lampenschirm.

Eine schöne Freiheit

Olivier Hug sagt: «So ein Büro in einem solchen Haus zu haben, ist eine Freiheit, die wir uns nehmen können. Als Angestellter müsste ich für eine Bank in einem Kasten sitzen.» Er fühlt sich privilegiert, hat einen spannenden Job, wird von ehemaligen Studienkollegen zum Teil auch beneidet. Denn sein Job ist «keiner, den man machen muss». Es sei sehr spannend, dass Ertüfteltes nicht stets auf Anhieb wunschgemäss funktioniert und dass ein Programmierer mit viel Unvereinbarkeit zu kämpfen hat, oft passten Browser nicht zusammen. Und was heute gilt, ist morgen anders, Weiterbildung sei des Programmierers täglich Brot.

Bei ihrer Hauptaufgabe, dem Einrichten von Webseiten, ergänzen sich Olivier Hug und Samuel Bänziger ideal: Hug programmiert und Bänziger gestaltet. Wie sie harmonieren, haben sie sich auf besonders schöne Art bewiesen, denn der Auftrag zur Gestaltung des prämierten Buches ist nicht etwa einem Netzwerk zu verdanken. Vielmehr ist die Auftraggeberin nur dank des Internetauftritts der zwei St. Galler auf sie aufmerksam geworden. Den Gestalter freut das fast so sehr wie seine Aussicht, bald Vater zu werden.

Es wird oft gelacht

Wer die zwei Jungunternehmer besucht, muss Treppensteigen. Es hat keinen Lift. Dabei lassen Aufträge namhafter Institutionen ein florierendes Geschäft vermuten. Gearbeitet wird für die Uni, das Amt für Kultur, die ETH Zürich, das Institut für Landschaftsarchitektur, das Zeughaus Teufen, die Edition Fink und eine ganze Reihe weiterer Auftraggeber. Aktuell steht das Erscheinungsbild für die St. Galler Bibliotheken im Vordergrund: Webseite, Briefschaft, Logo, Informationsmaterial.

Olivier Hug würde es «zwar selbst nicht sagen, aber es stimmt, es läuft gut». Und das Büro, das Wohngemeinschaftsflair, sei überhaupt kein Hindernis, im Gegenteil. Samuel Bänziger macht eine Kopfbewegung zum grossen, einfachen Tisch und versichert: «An so einem zu sitzen, empfinden viele als erfrischend.» Es ist ein Büro, in dem häufig gelacht wird. Olivier Hug sagt: «Hochglanzatmosphäre gibt es ja genug.» Rhetorisch fragt sein Kompagnon: «Ist es nicht angenehm, auf piekfeines Auftreten auch einmal verzichten zu können?»