«Es sind nur die kleinen Fische»

Die Kantonspolizei St. Gallen geht seit einigen Jahren mit der Aktion Ameise gegen Kleindealer vor. Wird ein Kleindealer erwischt, rückt sofort der nächste an dessen Stelle nach.

Alessia Pagani
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ST. GALLEN. Ein Mann verkauft einem anderen Mann auf der Strasse Drogen. Die Ware wird übergeben, im Gegenzug Geld eingesteckt. Und schon klicken die Handschellen. Wieder hat die Kantonspolizei St. Gallen im Rahmen der Aktion Ameise einen Drogendealer verhaftet.

Die Nachfrage nach Drogen aller Art, von Marihuana über Heroin bis zu Kokain, ist auf den St. Galler Gassen nach wie vor gross. «In St. Gallen sind alle Drogen gefragt – leider», sagt Gian Andrea Rezzoli, Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen. Meist kommen die hier verkauften Drogen aus dem goldenen Dreieck; der Grenzregion zwischen den Staaten Laos, Thailand und Myanmar. Oder aus Afghanistan. Es gilt als eines der grössten Opiumanbaugebiete der Welt. Nebst Opium wird aus Afghanistan vor allem Marihuana exportiert. «Über die Balkanroute gelangen die Drogen dann zu uns in die Schweiz», sagt der Polizeisprecher, der einst selbst bei der Drogenfahndung tätig war. Die Ware sei jeweils in Lieferwagen oder Autos versteckt. «Manchmal überqueren die Drogenkuriere auch zu Fuss die Grenze.»

«Ameise» zielt auf Kleindealer ab

Die hier festgenommenen, oft afrikanischstämmigen Dealer, sind nur kleine Fische. Die Polizei spricht «von Kleinhandel». Ihnen übergeordnet sind die Drogenlieferanten. Diese hätten mehrere Kleinabnehmer, die die Ware als «Grammpäckchen» auf den Strassen anbieten, sagt Rezzoli. Geliefert werde dorthin, wo bereits Strukturen aufgebaut sind. Die Aktion Ameise zielt auf solche Kleindealer. Wobei der Einsatz der Polizei nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist. Laut Rezzoli würden den verhafteten «Kügelidealer» immer wieder neue nachrutschen. Daher auch der Name «Ameise». Für die Grossdealer ist hingegen die Betäubungsmittelabteilung zuständig, die oft jahrelang ermittelt, um die Strukturen der Organisationen aufzuspüren.

«Fast schon Alltag»

Laut Gian Andrea Rezzoli hat sich in der Drogenszene seit den Anfängen der 1990er-Jahre einiges verändert. Habe man damals einen Dealer mit einem halben Kilogramm festgenommen, hätten in Ostschweizer Polizeikreisen alle von einem riesigen Fang gesprochen. «Heute ist das bei Ermittlungen im Drogenbereich fast schon Alltag», sagt Rezzoli. So geschehen beispielsweise vergangene Woche, als die Polizei in der Innenstadt einen Serben mit 300 Gramm Heroin angehalten hat. Dieser gab zu Protokoll, dass er extra für den Drogenverkauf von Serbien nach St. Gallen gereist sei. Auch die Strafen für das Dealen haben sich gewandelt. Ende 1980er-, Anfang 1990er-Jahre seien Dealer von geringen Mengen Haschisch unter Umständen für einige Monate ins Gefängnis gewandert. Was gegenwärtig laut Rezzoli unvorstellbar wäre. Gegen solche Kleindealer, also auch jene, die im Rahmen der Aktion Ameise festgenommen werden, führe die Staatsanwaltschaft wenn möglich ein Schnellverfahren durch.

80 Franken für ein Gramm

Zudem haben sich die Verkaufspreise von Drogen stark verändert: Wo in den 1980er-, 1990er-Jahren noch 650 Franken für ein Gramm Kokain bezahlt wurden, bekommt man heute die gleiche Menge für 80 bis 100 Franken auf der Strasse. «Für guten Stoff wohlgemerkt», sagt Rezzoli. Angebot und Nachfrage würden eben auch auf diesem – illegalen – Markt den Preis bestimmen.