Es muss nicht immer 8.30 Uhr sein

Bevor gestern Abend auf dem Klosterplatz die Oper Attila begann, führte der Kantonsrat ein Stück mit diversen Wirren, Höhen- und Tiefpunkten auf. In Hauptrollen: Diverse Rheintaler Kantonsräte. Die Zusammenfassung eines unvollendeten Schauspiels.

Samuel Tanner
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KANTONSRAT. Prolog

Als Remo Maurer um 8.39 Uhr sein Mikrophon anstellt, ist noch nicht klar, dass der Kantonsrat bis am Abend etwa eine halbe Stunde darüber spricht, wann und wie er sprechen will. Maurer ist der erste Redner eines langen Tages. Er und die restlichen 119 Parlamentarier schauen einem aufreibenden Tag entgegen, es geht um 66 Sparmassnahmen und noch mehr Gegenanträge, es geht um 150 Millionen Franken. Am Ende geht es jedoch auch um verschiedene Zeitpläne, Redezeitbeschränkungen oder um die Angst, erst um Mitternacht zu Hause zu sein.

Hauptteil

Es ist 11.32 Uhr, bis dato läuft der Ratsbetrieb wie immer. Herbert Huser kämpft dafür, den Beitrag an das Theater St. Gallen zu kürzen und bittet einen Kollegen, ihm doch das nächste Mal genauer zuzuhören. Laura Bucher wehrt sich gegen Kürzungen bei den Stipendien, bis der zuständige Regierungsrat sagt: «Wir scheinen uns jede Session von neuem darüber zu unterhalten.»

Dann ist es 11.32 Uhr, Pensionär Oskar Gächter stellt «aus Verzweiflung und in der Hoffnung, die Session doch noch an dem Tag abschliessen zu können», folgenden Antrag: Redezeitbeschränkung auf drei Minuten, auch für Regierungsräte. (Ungläubiges Gelächter.) Ein Parteikollege votiert dagegen, Werner Ritter zitiert Art. 87, Abs. 3 des Reglements; da stehe, der Präsident habe die Redezeit nur in Ausnahmefällen zu beschränken.

Der Präsident: Dann lasse ich nicht abstimmen und wir haben wieder zehn Minuten verloren!

Nach dem Mittagessen: Diskussion darüber, ob bis 22 Uhr gearbeitet werden soll oder nur bis 19 Uhr. Bedenken eines Rats, er wohne im Sarganserland und sei in jenem Fall erst um Mitternacht zu Hause. Der Entscheid: bis 22 Uhr durcharbeiten.

15.18 Uhr, im Gang. Ein Bürgerlicher: So werden wir nie fertig!

Nach 17 Uhr: Der Präsident teilt mit, dass auf dem Klosterplatz die Oper Attila stattfinde und der Rat deshalb nur bis 20 Uhr tagen könne. Grund: Den Rat wird die Musik stören – die Oper die Beleuchtung im Kantonsratssaal. Auftritt Werner Ritter. Er geht zum Fenster, kehrt zurück. (Gelächter.)

Der Präsident: Ihre Erkenntnis, Herr Ritter?

Werner Ritter: Die Zuschauer schauen in eine andere Richtung, unser Licht sollte sie nicht stören.

Der Präsident: Das hätte ich Ihnen auch von meinem Stuhl aus sagen können. (Gelächter.)

Diskussion darüber, ob man trotz allem bis 22 Uhr weitermachen könnte, ohne selbst Akteur der Oper zu werden. Übereinkunft, um 20 Uhr zu schliessen.

Marcel Dietsche: Dann stelle eben ich den Antrag, solange weiter zu machen wie möglich.

Antrag abgelehnt.

Epilog

Als sich um 18.13 Uhr Thomas Ammann meldet, scheint klar, dass die Session am 22. August weitergeht, wie üblich an ersten Sessionstagen um 14.15 Uhr. Nun stellt Ammann folgenden Antrag: Sessionsbeginn um 8.15 Uhr.

Ruedi Blumer, Gossau: Weshalb 8.15 Uhr, sonst beginnen wir doch immer um 8.30 Uhr? Ich plädiere für 8.30 Uhr.

Oskar Gächter: Es muss ja nicht immer 8.30 Uhr sein. (Gelächter.) Ich stelle den Antrag, schon um acht zu beginnen und bis 13 Uhr zu beraten.

Der Rat soll nun also darüber abstimmen, ob er um 8, um 8.15, oder um 8.30 Uhr beginnen will – oder doch erst um 14.15 Uhr. (Unverständnis im Saal.) Blumer zieht der Einfachheit halber seinen Antrag zurück. Der Entscheid nach zwei Abstimmungen und weiteren Wortmeldungen: Beginn um 8.15 Uhr, Thomas Ammann siegt mit seinem Antrag.

Irgendwann um 19 Uhr auf der Zuschauertribüne. Felix Bischofberger, Altenrhein, zum Journalisten: Und Sie harren immer noch aus hier?

Um 20.02 Uhr, die Parlamentarier sind wieder einmal verwirrt, da stellt jemand den Ordnungsantrag, die Übung abzubrechen. Der wird verworfen. Es geht noch ein paar Minuten weiter.

Dann beruft das St. Galler Kantonsparlament eine neuerliche Sondersession für den August ein. Damit man die beiden Sessionen voneinander zu unterscheiden vermag, könnte man die aktuelle «Die Unvollendete» nennen. Das Genre: Tragikomödie.