Es kommt nicht auf die Grösse an

Andrea Zäch liebt es, andere zu beschenken. Besonders zu Weihnachten pflegt sie das Ritual. Dieses Jahr überrascht sie aber nicht nur Familienangehörige und Freunde, sie beschenkt auch fremde Menschen.

Benjamin Schmid
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Andrea Zäch überbringt Maria Magdalena persönlich ein Weihnachtsgeschenk ihres Adventskalenders. (Bild: Mike Hersche)

Andrea Zäch überbringt Maria Magdalena persönlich ein Weihnachtsgeschenk ihres Adventskalenders. (Bild: Mike Hersche)

Alles begann Mitte November. Mit Blick auf die nahende Adventszeit, drehten sich die Gedanken von Andrea Zäch um Geschenke. «Ich liebe es, anderen Menschen eine Freude zu machen und sie zu beschenken.» Weil man sich innerhalb der Familie dazu entschlossen hatte, in diesem Jahr zu wichteln, sah sich die 31-Jährige damit konfrontiert, zwar viel Geld zu sparen, aber wenig zum Verschenken zu haben. Ein No-Go in ihren Augen. Und so wurde ihre Idee geboren: «Mit dem Gesparten wollte ich Geschenke für Menschen kaufen, die sich diese normalerweise nicht leisten können.» Kurzerhand zog die Rheintalerin, die zurzeit in Appenzell wohnt, los und kaufte Geschenke ein. Mit der Facebook-Gruppe «Die Gemeinschaft – Oberrheintal (CH)» fand sie die ideale Plattform, um ihre Geschenke unters Volk zu bringen. Seit dem ersten Dezember verschenkt sie jeden Tag eine Kleinigkeit, um Menschen zu beglücken.

Keine anonyme Spende

Die Grösse der Geschenke sei nicht relevant, weiss die Primarlehrerin. Ebenso unwichtig sei der materielle Wert – entscheidend sei die Bedeutung des Schenkens. Schenken als Akt der Menschlichkeit. «Ich habe alles, was ich brauche, kann mir vieles leisten und doch gibt es in unserer Region Menschen, die jeden Rappen umdrehen müssen», sagt Andrea Zäch. In der Vergangenheit habe sie auch schon an Hilfsorganisationen gespendet, aber stets einen fahlen Beigeschmack behalten. «Einerseits wusste ich nicht, ob das Geld am richtigen Ort ankommt, andererseits hatte ich keine Ahnung, wen genau ich damit unterstützte», sagt sie. Daher ist es ihr ein Anliegen, die Beschenkten persönlich zu treffen und ihnen die Gaben zu überreichen. Dass sie damit den Nerv der Zeit getroffen hat, zeigen die vielen Kommentare und Meldungen auf den Facebook-Adventskalender. Täglich melden sich Interessierte. Aus den Einsendungen wählt Andrea Zäch eine Gewinnerin oder einen Gewinner per Los aus. «Es ist mir wichtig, dass die Geschenke nützlich sind, einen Mehrwert hervorbringen und einen Verzicht aufwiegen.» Zum Beispiel einen Kinogutschein für eine Person, die sonst kein Geld für den Kinoeintritt hat. Aber auch Spielzeug für Kinder, deren Eltern sich keines leisten können oder ein Verwöhnset für eine Alleinerziehende, die ihre Einnahmen zum Wohle der Kinder aufwendet und für sich nichts mehr übrig hat.

Kontrolle kaum möglich

Sie ist sich der Problematik bewusst, dass sich auch Personen melden, die sich die Gegenstände selber leisten können und somit nicht ihren Vorstellungen von Menschen mit finanziellen Schwierigkeiten entsprechen. «Ich will und kann nicht alles kontrollieren», sagt Andrea Zäch, «dennoch versuche ich, die ‹Rosinenpicker› fernzuhalten.» 100- prozentige Sicherheit könnte sie nur mit einer Zusammenarbeit mit dem Sozialamt oder anderen Organisationen erlangen. Weil das aber über das Ziel, anderen eine Freude zu bereiten, hinausschiessen würde, appelliert An­drea Zäch an die Vernunft der Internetgemeinschaft und hofft, dass jeder selber weiss, ob er das Geschenk nötig hat oder nicht. Mit ihrer Idee stösst die 31-Jährige mehrheitlich auf Zustimmung und Begeisterung. Eine Userin findet die Idee prima, während es eine andere Person schön findet, dass es Personen wie Andrea Zäch gibt.

Die einzelnen kritischen Stimmen richten sich nicht gegen die Initiantin des Facebook-Adventkalenders, sondern an die Personen, die sich für die Geschenke melden. «Hier geht es aber vielen Personen nicht gut», kreidet ein User die Glaubwürdigkeit einiger Interessierten an. Ein anderer sagt es direkt: «Macht bitte nur mit, wenn ihr es auch wirklich benötigt.»