Es ist einsam auf Golgatha

Aus christlicher Sicht

Renato Tolfo
Drucken
Das Leid hat keine Lobby. Am Kreuz sind nur die wenigen Menschen, die tiefgründig lieben. (Bild: depositphotos/Kenneth Keifer)

Das Leid hat keine Lobby. Am Kreuz sind nur die wenigen Menschen, die tiefgründig lieben. (Bild: depositphotos/Kenneth Keifer)

Die Geschichte der Kreuzigung Jesu zeigt in schonungsloser Offenheit und als grausames Spektakel, wie mit einem Menschen verfahren wird, der sich – jedenfalls aus dem Blickwinkel der Verleumder – gegen das Establishment und gegen die Staatsmacht stellt: ein kurzer Schauprozess, die Kreuzigung und sein Tod.

Es kommt mir vor, als ereigne sich Karfreitag jeden Tag. Menschen werden verfolgt, gejagt, gefoltert. Jeden Tag sterben Gottes Kinder irgendwo auf dieser Welt ohne Schuld. Wie oft bekommen wir heutzutage zu hören und zu lesen, wie über Menschen Unmögliches gesagt und geschrieben wird und daraufhin wird über sie geurteilt. Eine falsche Äusserung, ein falsches Kleidungsstück, ein falscher Glaube – das kann auch noch heute tödlich sein.

Andere tragen ihr Kreuz im Verborgenen mit sich. Betroffen von einer Krankheit, die nach aussen nicht sichtbar ist; im Beruf oder in der Beziehung gescheitert; dem Leistungsdruck nicht gewachsen, tragen sie ihr Leid still mit sich. Vielleicht weil sie sich schämen, weil sie als Verlierer wahrgenommen werden. Aber sie zeigen es nicht.

Deswegen ist es einsam auf Golgatha. Da sind nur die, die da sein müssen. Und die wenigen, die tiefgründig lieben. Leiden hat keine Lobby. Und das ist eine Wunde jeder Gesellschaft. Der Karfreitag legt den Finger in diese Wunde. Leiden ist weit mehr als die Schwäche eines Einzelnen. Es ist die Schwäche einer Gemeinschaft. Wenn einer leidet, leidet das System, zu dem ich gehöre.

Das kann ich ignorieren, als lästig empfinden, als Thema für hysterische und sensible Personen abtun. Aber darin liegt die besondere Spitze des Karfreitags: In dieser finsteren Szene wird klar wie nie, wo Gottes wahre Solidarität liegt. Und wenn ich das Kreuz links liegen lasse und unbeeindruckt weitergehe, wird Gott vermutlich bleiben, wo er ist. In der Nähe des Kreuzes, aber nicht in meiner Nähe.

Ob wir das Leiden und den Tod anderer nur aus Distanz betrachten oder in nächster Nähe erleben, das macht den Unterschied aus. Das Kreuz ist für uns eine Mahnung, eine Aufforderung, wie wir mit anderen Menschen umgehen, mit Menschen, die verletzlicher und ärmer sind als wir. Das Kreuz lehrt uns hinzusehen auf das Leiden, auf die Schattenseite des Lebens und auf die, die im Schatten stehen, die man nicht sieht. Wir dürfen Karfreitag nicht ausblenden. Wir können nur hoffen, dass es Ostern wird, für die vielen Opfer, für uns und dass die Auferstehung der Anfang ist, der Anfang für mehr Gerechtigkeit und Frieden in der Welt.

Renato Tolfo

Pfarrer in Rebstein

Aktuelle Nachrichten