Es braucht Feingefühl und Kraft

ALTSTÄTTEN. Marco Steiger, gelernter Sportartikelverkäufer, verlor mit 40 seine Stelle in der Industrie. Zum Glück. Jetzt hat er einen Traumjob. Nach den Ferien beginnt für den angehenden Landschaftsgärtner das zweite Lehrjahr.

Gert Bruderer
Drucken
Teilen
Für Marco Steiger, den gelernten Sportartikelverkäufer und angehenden Gartenbauer, beginnt nach den Sommerferien das zweite Lehrjahr. (Bild: Gert Bruderer)

Für Marco Steiger, den gelernten Sportartikelverkäufer und angehenden Gartenbauer, beginnt nach den Sommerferien das zweite Lehrjahr. (Bild: Gert Bruderer)

Schon lange hatte Marco Steiger die berufliche Veränderung erwogen. Der Bruder des Altstätter Künstlers Patrick Steiger hatte klare Interessen, aber bloss einen vagen Wunsch nach Veränderung.

Als Marco Steiger plötzlich auf der Strasse stand, ging es ruckzuck. Er hatte sich kaum bei der Regionalen Arbeitsvermittlung gemeldet, als er seinen einstigen Schulkollegen Andi Müller traf, mit ihm über dies und jenes sprach und zu hören bekam: «Wenn du willst, kannst du am Montag bei uns anfangen.»

Viel über Pflanzen gelesen

Schon vor zwei Jahrzehnten war Marco Steiger kurz beim Gartenbauer tätig. Damals kam er aber nicht auf die Idee, sein Hobby zum Beruf zu machen. Weil er immer gern gegärtnert hat, besass er eine Bonsaizucht und las er viele Bücher über Pflanzen.

Für die Altstätter Gartenausstellung Stadtgarten schrieb Marco Steiger im letzten Jahr: «Was ist kreativ, anspruchsvoll und spannend? Wofür braucht man Feingefühl, Freude an der Natur, Kraft, Fantasie, Fachwissen über Pflanzen und ein Auge für Schönheit? – Für den Beruf des Landschaftsgärtners.»

Heue, wenn d' Sunn schint

Marco Steiger, Zweitjahrstift mit 42, ist wie eine Pflanze aufgeblüht. «Die Lehre ist kein Zuckerschlecken», sagt er zwar, doch Nachteile findet er in der neuen Arbeit genauso wenig wie sich Lavendel im Wald finden lässt. Andi Müller, der Inhaber des Lehrbetriebs, der mit Marco neun Jahr zur Schule ging, sagt über ihn: «Ich hatte immer das Gefühl, dä ghört varusi.» Tatsächlich: Draussen zu sein, bei jedem Wetter, so rau es auch ist, erlebt Marco Steiger vorbehaltlos als schön. Das Gleiche gilt für die saisonal unterschiedliche Arbeitszeit. Was für den Bauern gilt, kennt auch der Gärtner: Muesch heue, wenn d' Sunn schint.

Abladen, giessen, säen

Wie sehr Marco Steiger sein Job gefällt, zeigt seine Bemerkung: «Für den Zeitungsbeitrag mache ich nur mit, weil dies ein positives Beispiel ist und es das Positive öfter geben sollte.» Nur zwei Tage braucht der 42-Jährige zurückzublicken, um zu zeigen, wie abwechslungsreich der Beruf des Landschaftsgärtners ist: Am ersten Tag wurden 60 Tonnen Natursteine abgeladen und 5500 Pflanzen gegossen, am zweiten Tag wurde in Chur gesät. Zum gartenbaulichen Schulstoff gehören etwa die Bodenkunde, die Schädlingsbekämpfung oder der Wasserbau. Klar, Disziplin ist nötig. Dreimal wöchentlich lernt Marco Steiger eine Stunde lang, die Pflanzen sind auch auf Lateinisch zu benennen. Dass in seiner Klasse nicht nur zwanzig Jugendliche sitzen, sondern einige schon etwas älter sind, erachtet er als grossen Vorteil. «Es ist schön, mit Kollegen zusammen zu sein, die wirklich lernen wollen.»

Auch bei der Arbeit steht der hohe Anspruch an sich selbst im Vordergrund. Marco Steiger beschreibt sich selbst als jemanden, der sich Mühe gibt und der «die Arbeit sieht». Vom Team schwärmt Marco Steiger regelrecht. Jeder arbeite gern mit jedem. Und wie steht's mit dem Dreck? Die Antwort fällt pragmatisch aus: «Auch der gehört dazu.»

Ein Lehrling mit Erfahrung

Obschon ein Lernender, ist Marco Steiger nicht in jeder Hinsicht ein typischer Lehrling. Er fährt Auto, ist selbständiges Arbeiten gewohnt, hat als 42-Jähriger einen breiten Erfahrungsschatz und weiss als ehemaliger Verkäufer, wie man auf Kunden zugeht. «Diesbezüglich», sagt Andi Müller über den ältesten Lehrling in seiner Firma, «können eher wir von ihm noch etwas lernen.»

Als 42-Jähriger hat Marco Steiger aber notgedrungen – oder folgerichtig – einen Sonderstatus, denn von einem Lehrlingslohn lässt sich mit 42 nicht mehr leben. Weil Andi Müller den früheren Schulkameraden anders einsetzen kann als einen jugendlichen Stift und weil «Marco Gelerntes besonders schnell anwendet», erhält er 90 Prozent eines Handlangerlohnes.

Den Lehrlingsvertrag unterschrieb Marco Steiger am gleichen Tag wie den Arbeitsvertrag. Das war vor zwei Jahren. Er hat es «noch keine Sekunde bereut».