Erreichbarkeit verschieden regeln

RHEINTAL. Die modernen Kommunikationsmittel erlauben es, dass wir immer und überall online sein können. Immer mehr Arbeitnehmer beantworten in ihrer Freizeit noch Geschäfts-Mails. Dies kann ernsthafte gesundheitliche Folgen haben.

Rahel Friedauer
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Ein besorgniserregender Trend: In den Ferien oder der Freizeit noch geschäftliche Mails und Telefonate beantworten. (Bild: depositphotos)

Ein besorgniserregender Trend: In den Ferien oder der Freizeit noch geschäftliche Mails und Telefonate beantworten. (Bild: depositphotos)

Nach Feierabend noch schnell ein Mail lesen und beantworten, am Wochenende immer wieder den Account überprüfen, ob nicht doch noch eine wichtige Mitteilung eingegangen ist und falls nötig diese beantworten. So sieht die Freizeit von vielen Arbeitnehmern aus.

Regelmässige Kontrollen

«Ich lese regelmässig meine Mails und tätige Telefonate, wenn ich nicht im Geschäft bin», sagt Petra Rohner, Assistentin der Geschäftsleitung der Amag Heerbrugg AG. Sie arbeitet jedoch nur 40 Prozent und teilweise auch von zu Hause aus. Da müsse sie hin und wieder die geschäftlichen Mails und Telefonate beantworten, sagt sie. Sie ist überzeugt, dass sie sich bei einer Vollzeitstelle wahrscheinlich in ihrer Freizeit nicht um das Geschäft kümmern würde, da sie dann täglich im Büro und erreichbar sei. Wenn Petra Rohner von zu Hause aus arbeitet, kann sie sich diese Zeit als Arbeitszeit anrechnen lassen. Sie sagt: «Ich schreibe jedoch nicht jede Minute auf, die ich benötige um ein, zwei Mails zu beantworten.» Es sei ein Geben und Nehmen. Das Geschäft sei sehr grosszügig ihr gegenüber, darum schreibe sie nicht jede Minute genau auf. «Ich musste jedoch lernen, dass ich das Natel auch einmal ausschalte, da ich mir sonst einen zu grossen Druck mache», sagt sie. Ein Geschäfts-Telefon stehe ihr nicht zur Verfügung.

«Bin so eingestellt»

Anders ist dies bei Fabio Rasera, Verkaufs-Manager bei F&L-Systems in Altstätten. Das Geschäft stellt ihm ein Smartphone und einen Laptop zur Verfügung, auf die die Mails automatisch übertragen werden.

«Ich bin ein <Vollblut-Verkäufer>. Es gehört zu meinem Charakter, dass auch der Feierabend und die Freizeit zum Geschäft gehören. Ein Verkäufer, der keine Anrufe erhält, hat schlechte Aussichten auf Erfolg», sagt Fabio Rasera. Für ihn sei es wichtig, dass er Steuerungsmöglichkeiten für die Erreichbarkeit habe. Die Firma habe vor, einen Erreichbarkeits-Knigge einzuführen, in dem insbesondere die erwartete Antwortzeit definiert werden soll. «Wir leben in einer dynamischen Arbeitswelt, der moderne Mensch möchte seine Arbeitszeit flexibel gestalten können», sagt Rasera. Weiter sagt er: «Ob ich in der Freizeit auf die Mails antworte oder nicht, liegt in meinem persönlichen Ermessen.» Während der Ferien habe er jedoch eine Stellvertretung und rufe die Mails darum nur sporadisch ab. «Ich spüre auch keinen Druck. Ich bin so eingestellt, dass ich auch in meiner Freizeit erreichbar bin», sagt er.

Ganz anders sieht Ronny Hug, Leiter Anlageberatung bei der Raiffeisenbank Mittelrheintal, das Thema Erreichbarkeit. Er hat kein Geschäfts-Natel. Die Bank leitet die Mails jedoch an die privaten Natels der Mitarbeiter weiter, aber nur wenn diese das wollen. «Seit ein paar Jahren haben wir ein neues System. Bei dem wir einstellen können, was auf unser privates Natel weitergeleitet wird», sagt Ronny Hug. Er selber hätte es so eingestellt, dass er nur den Kalender sehe. «Ich bin gerne darüber informiert, was für Termine ich am nächsten Tag habe», sagt er. Anfangs erhielt er auch noch die Geschäftsmails. Doch mittlerweile hat er diese Übertragung deaktiviert. Er sagt: «Früher habe ich mir selber Stress gemacht, indem ich die Mails von Kunden noch um 22 Uhr beantwortet habe. Jetzt bin ich der Meinung, dass es völlig ausreicht, wenn man die Mails zu Geschäftszeiten beantwortet.» Eine Ausnahme macht Ronny Hug allerdings: Zum Ferienende hin schalte auch er das Mail-Programm an, um zu sehen, was am Montag bei Arbeitsbeginn auf ihn zukomme.

Gesundheitliche Folgen

Verschiedene Studien zeigen, das die ständige Erreichbarkeit gesundheitliche Folgen haben kann. Ingo Boltshauser und Thomas Heeb schrieben in ihrem Bericht für den kaufmännischen Verband Schweiz: «Wer Leistung im Beruf bringen will und soll, muss erholt sein.» Und man könne sich nicht erholen, wenn man ständig im Stand-by-Modus sei. Darum sei es sehr wichtig, die mobilen Geräte auch einmal abzuschalten. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass dies schwierig sein kann. Denn wenn es gesellschaftlich anerkannt ist, dass man auch nach Feierabend noch seine Mails liest und beantwortet, dann entsteht ein Gruppenzwang.

Menschen, die sich dem entziehen wollen, müssen sich oftmals rechtfertigen. Ausserdem werde die Erreichbarkeit immer mehr zur Statusfrage. «Angestellte haben bestätigt, dass das ständig eingeschaltete Handy und der regelmässige Blick in die Mailbox nach Feierabend ihnen das Gefühl der Unersetzlichkeit vermitteln», schreiben die Autoren.

Die Folgen, die entstehen können, wenn man sich keine Freizeit gönnt, ist Stress, der sich dann steigern kann bis hin zu einem Burn-out.

Lösungsmöglichkeiten

«Wenn ein Mitarbeiter seine Freizeit geniessen will, ohne geschäftliche Mails oder Telefonate zu beantworten, muss er die Geräte abschalten», sagt Thomas Wepf, Regionalleiter der Unia Ostschweiz-Graubünden. Kein Arbeitgeber dürfe von seinen Mitarbeitern verlangen, ständig erreichbar zu sein. «Beim obersten Kader ist die Situation jedoch eine andere», sagt Wepf. «Jeder Einzelne muss für sich entscheiden, wie oft er erreichbar sein will. Jeder muss die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit einfordern.»