Elfis Hilferuf

ALTSTÄTTEN. Elfi Galvez hat schlaflose Nächte. Die Baumaschinen und Lastwagen in Altstätten erschüttern ihre geschäftliche Existenz. «Es zerreisst mir das Herz», sagt sie.

Gert Bruderer
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Der 1. Februar hätte ein Freudentag werden sollen. Zehn Jahre Pizzeria Elfi in Altstätten. Zehn Jahre in einem aufstrebenden Ort, in dem alle seit Jahren nur noch von Aufschwung reden. Alle, das sind die Politiker, die Stadtprominenz, die Ladenbesitzer.

Die Tonangeber.

Ist von den Baustellen die Rede, tönt es so: Da müssen wir halt durch.

Neues Rathaus, neue Überbauung auf dem nächsten Grundstück, neue grosse Häuser auf dem übernächsten. Neuer Kreisel, neue Tiefgarage, neuer Platz, die Post schon bald zurück im Städtli.

Bauen.

Hoffen.

Bauen.

Während alle nur nach oben blicken und nach oben denken und das Rathaus schon am Himmel kratzt, befindet Elfi Galvez sich im freien Fall. Sie fürchtet sich.

Es ist der bevorstehende Aufschlag auf dem harten Pflaster ihrer eigenen Altstätter Realität, die sie Nacht für Nacht quält. «Wenn es so weitergeht, muss ich Konkurs anmelden», sagt sie.

Roter Saldo

Ihr Alptraum begann mit dem Bau des Kreisels vor drei Jahren. Mitten in der Euphorie der Stadt halbierte sich der Pizzeria-Umsatz.

Durchhalten!, dachte sie.

Durchhalten!, dachte sie im Jahr darauf.

Durchhalten!, dachte sie auch Anfang dieses Jahres.

Ihr Konto bei der Bank hört nicht auf die Parole. Teilnahmslos hat sich der Saldo rot gefärbt. Das ist der Lohn für all den Lärm und all den Staub. Zehntausende Franken fehlen schon.

Die Strassen bei der Pizzeria wurden aufgerissen, Stück um Stück, das alte Rathaus fiel in sich zusammen, und nun dröhnt es auch noch aus dem angebauten Haus, weil dort die Post einzieht. Im Restaurant gehen jeden Tag mehrere Leuchtkörper kaputt. Elfi Galvez graut vor den bevorstehenden Pflasterarbeiten. Immerhin hat die Stadt sie auf Herbst verschoben.

Schwer wie Beton lastet der vermaledeite Satz auf Elfi Galvez, dieser Satz «Da müssen wir halt durch.» Im Grunde findet Elfi das ja auch.

Schwarz sehen mit 55

Der letzte Sommer, der kein Sommer war, ist schnell erzählt. Am Morgen wischte Elfi Galvez Staub. Er frass sich in die Polster, färbte alle Sonnenschirme grau. Am Mittag wischte Elfi wieder Staub, dann kam der Abend, – Elfi Galvez wischte Staub. Oft näherte er sich als grosse Wolke. Elfis Gäste übten sich im Flüchten. Viele kamen gar nicht erst.

Das Personal liess sich aus Kostengründen nicht sehr lange halten. Nur Antonio Pose, der Koch, steht immer noch am Ofen. Schon seit drei Jahrzehnten sind Antonio und Elfi das perfekte Team. Zwei Jahrzehnte in St. Margrethen, eines in Altstätten.

Nun sieht Elfi Galvez schwarz. Sie sagt, sie sei jetzt 55. In diesem Alter aufgeben zu müssen, wofür sie so lange gearbeitet und sehr viel Geld investiert hat, das wäre das schlimmste. Alles aufzugeben, vor dem Nichts zu stehen – diese Aussicht kann sie kaum ertragen. Sogar Tränen kommen jetzt, so unaufhaltsam wie die LKWs am Morgen.

Happy End weit entfernt

Der halbierte Umsatz ist in diesem Jahr erneut gesunken. Christoph Steger, der Vermieter, kam der Mieterin entgegen, weil sie schon so lange hier und speziell betroffen ist. Sie selbst hat bereits Pensionskassengelder bezogen, um über die Runden zu kommen.

Immer wieder ein Strohhalm, immer wieder Ernüchterung.

Die Aufhebung von Parkplätzen, ein völlig verregneter Sommer, nun auch noch die Frankenstärke. Lauter Verkraftbares, wenn bloss die ewigen Baustellen nicht wären.

Elfis treuste Gäste sind aus Diepoldsau, aus Widnau, Oberriet und Rüthi. Allen, die noch immer kommen, ist sie dankbar, aber die, die kommen, sind allein noch keine Rettung.

Und die Stadt? Kann sie, die Staubaufwirblerin, nicht helfen?

Nicht, dass Elfi Galvez das erwartet. Auch kommt nicht der kleinste Vorwurf über ihre Lippen. Aber Elfi Galvez weiss ganz einfach nicht mehr weiter. Mit Nathalie Büchler und deren «Städtli-Treff 7» spannt sie teilweise zusammen. Auch das Café im Parterre spürt zwar die Folgen des Bauens, doch Nathalie Büchler hat erst kürzlich angefangen. Und die Läden sind natürlich ebenfalls betroffen, aber nicht so stark wie Elfi Galvez' Pizzeria.

Als Stadtpräsident Ruedi Mattle von Elfi Galvez' Problem erfährt, wirkt er bewegt. Er sagt, er habe nicht gewusst, wie ernst es um die Pizzeria steht. Finanziell seien der Stadt wohl die Hände gebunden, aber sicher werde er mit Elfi Galvez reden.

Mattle sagt, sobald im Städtli alles fertig sei, befinde Elfi Galvez sich an einem prima Ort.

Das ist auch ihr bewusst. Das Happy End ist aber weit entfernt. Vielleicht zu weit.

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