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«Eine Utopie, aber eine schöne»

ALTSTÄTTEN. Stefan Kirchgraber ist Co-Präsident der regionalen Grünen und will, dass das Rheintal in zwanzig Jahren nur so viel Energie verbraucht, wie es selber produziert. Den Weg dahin kennt er noch nicht so genau.
Samuel Tanner
Symbolisch: Stefan Kirchgraber vor dem Kraftwerk Montlingen. (Bild: Samuel Tanner)

Symbolisch: Stefan Kirchgraber vor dem Kraftwerk Montlingen. (Bild: Samuel Tanner)

ALTSTÄTTEN. Stefan Kirchgraber, 39, sitzt im Cockpit seines roten Twikes – er steuert das Elektromobil raus aus Altstätten und auch raus aus der Realität. Sein Ziel an diesem Tag ist das Kraftwerk Montlingen, sein Ziel in zwanzig Jahren die Energiewende. Er und die regionalen Grünen haben eine Vision formuliert, die «Energieautarkes Rheintal 2034» heisst. Und da dient das Twike natürlich als Symbol – für saubere Energie, für den Verzicht auf CO2, für eine irgendwie bessere Welt.

Wobei, so einfach geht diese Rechnung nicht. Bevor Stefan Kirchgraber vor einem Monat dieses Twike kaufte, fuhr er alle Strecken mit dem Velo. Jetzt verbraucht er Strom, den er eigentlich sparen will. Aber am Ende ist ja immer alles komplizierter als gedacht. Zehn Minuten später scheint Kirchgraber, vor seinem Twike und hinter seinem Aktenordner, bereit für die Energiewende.

Herr Kirchgraber, Sie fordern eine Region, die nur so viel Strom verbraucht, wie sie selber produziert. Halten Sie persönlich sich daran?

Stefan Kirchgraber: Ich selber produziere keinen Strom. Aber darum geht es auch nicht. Wir wollen Bedingungen schaffen, die es dem Tal als Ganzem ermöglicht, energieautark zu sein.

Sie fordern aber unter anderem, dass dies durch Energiesparen geschieht. Das beginnt bei jedem Einzelnen.

Kirchgraber: Ich achte darauf, dass der Computer nicht den ganzen Tag lang läuft. Aber es gibt noch immer viel zu optimieren: Derzeit kaufe ich viel in der Migros ein, ab Frühling beteilige ich mich an einem Gemeinschaftsgarten im Altstätter Riet.

In Ihrer dreiseitigen Pressemitteilung bezeichnen Sie die Vision als «zukunftsträchtig». Konkrete Vorschläge, wie die Energiewende umzusetzen wäre, habe ich aber praktisch keine gefunden.

Kirchgraber: Das ist jetzt einfach mal die Vision, ein paar Eckdaten und Faktoren. Aber es gibt im Rheintal natürlich schon viele konkrete Projekte …

… zum Beispiel?

Kirchgraber: Das Energienetzwerk. Firmen, die bereits heute Wissen in dem Bereich austauschen. So was hat Symbolcharakter.

Aber damit und mit echten statt Elektrokerzen an Weihnachten, wie Sie in der Vision vorschlagen, erreichen Sie die Energiewende wohl noch nicht.

Kirchgraber: Richtig. Es geht darum, das Bewusstsein der Leute zu wecken. Der günstigste Strom ist immer der, den man nicht braucht, etwa was die Weihnachtsbeleuchtung angeht.

Unbeantwortet bleibt die Frage: Wie genau wollen Sie das Rheintal bis in zwanzig Jahren energieautark machen: Eine Staumauer im Altstätter Dorfbach? Windräder im Schollenriet?

Kirchgraber: Wir sind nicht Fachleute, wir vernetzen lediglich und wollen Rahmenbedingungen schaffen. Aber neulich bekam ich die Info eines Experten, der sagte: Im Altstätter Reservoir könnte man, wenn man optimiert, mit dem Löschwasser etwas Strom erzeugen. Zudem gibt es in Altstätten einen Produzenten von kleinen Windrädern, den man involvieren könnte. Die Energiewende scheitert nicht an zu wenig Möglichkeiten.

Ihre Vision soll 2034 verwirklicht sein. Bis dahin bleiben lediglich zwanzig Jahre.

Kirchgraber: Deshalb legen wir nun auch los.

Wie genau?

Kirchgraber: Wir wollen nun Kontakt zu Firmen aufnehmen, gemeinsame Ziele abstimmen, Infoanlässe und Aktionen planen. Organisiert ist aber noch nichts.

Wenn Sie mit Rheintalern sprechen, ist da die Energiewende überhaupt ein Thema?

Kirchgraber: Nein, noch nicht. Aber wir machen sie zum Thema.

Die Zürcher beschlossen vor fünf Jahren die 2000-Watt-Gesellschaft: Energieverbrauch um einen Drittel senken, CO2-Ausstoss von jährlich 6,7 auf eine Tonne pro Person reduzieren, auf Atomkraft verzichten. Was denken Sie, wie viele Haushaltungen halten sich heute daran?

Kirchgraber: Darum geht es nicht, so argumentiert die SVP immer …

… trotzdem noch einmal die Frage: Wie viele halten sich daran?

Kirchgraber: Ein Einzelner kann sich nur daran halten, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Wir müssen an den grossen Schrauben drehen, nicht an den kleinen. Müssen die Autos ökologischer produzieren und nicht erst die Nutzung beeinflussen.

Bei der Abstimmung ging es aber auch darum, weniger Energie zu verbrauchen – da muss jeder im Kleinen daran arbeiten. Nun, in Zürich hält sich kein einziger Haushalt daran.

Kirchgraber: Doch, doch, da gibt es sicher welche.

Laut einer Empa-Studie nicht. Zeigt das nicht, dass die Leute eine Energiewende vielleicht sinnvoll finden, aber selber nicht bereit sind zu verzichten?

Kirchgraber: Deshalb wollen wir jetzt die Zusammenhänge zeigen, die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen, die Wiederverwertung thematisieren.

2034 soll das Rheintal energieautark sein. Da müsste es doch heute bereits um konkrete Projekte gehen.

Kirchgraber: Müsste es, Ja. Aber im Moment stimmen die Bedingungen nicht. Jetzt muss die Bevölkerung wachgerüttelt werden.

Ist Ihre Vision nicht vor allem eine grosse Utopie?

Kirchgraber: Ja, aber eine schöne.

Und Sie glauben dennoch, dass wir 2034 energieautark sind?

Kirchgraber: Möglich ist es. Wir haben ja noch zwanzig Jahre.

Stefan Kirchgraber gleitet dann in seinem roten Twike wieder über die Oberrieterstrasse nach Altstätten. Er fährt siebzig Kilometer pro Stunde, mehr geht nicht, aber dennoch setzen zwei Autos hinter ihm den Blinker. Sie überholen Kirchgraber.

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