Eine Urkunde von 1302 gefunden

BERNECK. Berneck hat eines der bedeutendsten und umfangreichsten Archive im Rheintal. Dieser Meinung ist Historiker Werner Kuster. Er reorganisierte die niedergeschriebene Vergangenheit der Gemeinde. Jakob Schegg gewährt Einblick.

Monika von der Linden
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Gemeindepräsident Jakob Schegg kann in seinen letzten Amtstagen auf ein geordnetes Archiv der Gemeindeverwaltung und der Historie Bernecks blicken. Hier zeigt er das Hofbuch aus dem Jahr 1514. (Bilder: Monika von der Linden)

Gemeindepräsident Jakob Schegg kann in seinen letzten Amtstagen auf ein geordnetes Archiv der Gemeindeverwaltung und der Historie Bernecks blicken. Hier zeigt er das Hofbuch aus dem Jahr 1514. (Bilder: Monika von der Linden)

BERNECK. Es sind nur noch wenige Tage, bis Jakob Schegg in Pension geht. Seit 20 Jahren präsidiert er die Gemeinde Berneck und interessiert sich seit jeher für die Geschichte seines Heimatortes. Rechtzeitig zur Übergabe der Amtsgeschäfte ist es ihm und dem Gemeinderat gelungen, das umfangreiche Verwaltungs- und historische Archiv sichten, sortieren und registrieren zu lassen.

«Das Archiv war in einem chaotischen Zustand und stark überfüllt», sagt Jakob Schegg. «Während der Renovation des Rathauses im Jahr 1943 wurden zwei Archivräume im Rathauskeller eingerichtet.» Damals habe es lediglich eine einfache Registratur von Büchern gegeben. Diese sei inzwischen mehr als 100 Jahre alt und nie ergänzt worden. «Auf dem Estrich lagerten seitdem drei Holzkisten. Vor fünf Jahren entdeckten wir darin alte und handgeschriebene Urkunden. Diese wurden nun integriert und katalogisiert», sagt Schegg.

Gut drei Jahre Arbeit

Die Gemeinde beauftragte im Dezember 2009 die Eberle AG in Kirchberg mit der umfangreichen Arbeit, eine systematische Ordnung zu schaffen. Werner Kuster (Historiker, Kunsthistoriker und Mitarbeiter des Büros für Geschichte, Archiv und Verwaltung) übergab der Gemeinde Anfang Dezember ein übersichtlich geordnetes Archiv. Es sei eines der bedeutendsten und umfangreichsten Archive im Rheintal, stellte der Historiker bei der Präsentation fest. Nebst dem Verwaltungs-Archiv umfasst das Archiv umfangreiche Akten, an die 1000 alte Leder-Einbände, rund 280 Urkunden, Pläne, Bilder, Fotos, Filme und ein reichhaltiges Archivgut von Vereinen, Genossenschaften, Korporationen und Parteien. Die Registratur der Archivalien füllt einen Ordner.

Zeuge von Dorf und Rebbau

«Das Archiv ist Zeuge unserer Dorfgeschichte und des Rebbaus. Diese Dokumente machen die Geschichte unserer Gemeinde fassbar. Jetzt wissen wir genau, was wo abgelegt ist. Man kann gut darauf zugreifen, erklärt Schegg.

Den Gemeindepräsidenten freut es sehr, dass er noch während seiner Amtszeit einen Schlussstrich unter die Reorganisation ziehen konnte. «Wer geschichtlich interessiert ist, kann nun die Unterlagen einfach finden. Privatpersonen zeigen wir gerne das Historische Archiv.»

Während des Gespräches mit unserer Zeitung gewährt Jakob Schegg Einblick in die Registratur. Nicht ohne Stolz beginnt er zu erzählen, sobald er auf ein passendes Stichwort stösst. Es scheint so, als hätte er fast von jeder bedeutenden Urkunde ein Bild vor Augen. «Vor der Reorganisation kannten wir 100 Urkunden, heute sind es 220.» Bei der Sichtung der Unterlagen, die heute vier Räume beanspruchen – zwei davon in der Zivilschutzanlage – ist die Gemeinde auf keine Sensation gestossen.

«Die Bernecker Geschichte muss nicht neu geschrieben werden», sagt Schegg mit einem Schmunzeln. «Aber es wurden Details gefunden, die weiteren Aufschluss geben. Wir haben die älteste Urkunde aus dem Jahr 1302 gefunden. Ist sie ausgefaltet, ist sie nur 20 mal 14 Zentimeter gross und hat 22 Schriftzeilen. Sie trägt das Siegel des Grafen Rudolf von Werdenberg. Sie ist nur neun Jahre jünger als der Schweizer Bundesbrief.»

Beispiele bedeutender Stücke

Das Hofbuch von 1514 ist das älteste und wertvollste Stück. Erwähnenswert ist auch das erste Gerichtsprotokoll ab 1532. Speziell sind die beiden Hofgerichts-Protokolle ab 1624. Die Buchdeckel wurden in handgeschriebene, kirchliche Noten-Pergamente eingebunden. Franziska Schnoor (Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftsbibliothek St. Gallen) identifizierte den Inhalt der Schriften aus dem 15. Jahrhundert. Während der Präsentation trug sie diese gesanglich vor. Die Gottesdienst-Noten wurden nach der Reformation eliminiert – das wertvolle Pergament aber für Buchdeckel weiterverwendet. Weiter fanden die Historiker in den Kisten zwei Pläne der kompletten Liegenschaft des Schlosses Rosenberg um 1805. Seit 1883 wird laufend eine bebilderte Dorfchronik geführt. Das älteste Foto stammt von der Gewerbeausstellung 1878.

Nicht fürs Staatsarchiv

«Mich freut es, dass es hier in Berneck möglich war, das Archiv zu reorganisieren. Hätte es kein Interesse gegeben, hätten wir es wohl oder übel dem Staatsarchiv St. Gallen übergeben müssen. Ich bin der Meinung, unser Archiv ist ein echter historischer Schatz», sagt Schegg.

Die älteste Urkunde Bernecks – vom 10. November 1302 – mit Siegel des Grafen Rudolf von Werdenberg.

Die älteste Urkunde Bernecks – vom 10. November 1302 – mit Siegel des Grafen Rudolf von Werdenberg.

Nach der Restauration ist der Text im Innern des Hofbuches (1514) wieder gut lesbar.

Nach der Restauration ist der Text im Innern des Hofbuches (1514) wieder gut lesbar.

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