Eine Stadt mit wenig Zeit

Ein schönes mittelalterliches und doch sehr modernes, autofreies und belebtes Städtchen! Je ein Grossverteiler und ausreichend Parkplätze an jedem Ende der Haupteinkaufsstrasse! Neues Rathaus, grosser Platz und attraktives neues Restaurant: So sah Altstätten bis vor einiger Zeit in der

Gert Bruderer
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Ein schönes mittelalterliches und doch sehr modernes, autofreies und belebtes Städtchen! Je ein Grossverteiler und ausreichend Parkplätze an jedem Ende der Haupteinkaufsstrasse! Neues Rathaus, grosser Platz und attraktives neues Restaurant: So sah Altstätten bis vor einiger Zeit in der Vorstellung von Optimisten aus. Dann hagelte es Beschwerden einzelner Opponenten. Coop widerrief seine Absicht, zum Rathaus zu zügeln. Investor AXA verging die Lust auf eine Zentrumsüberbauung. Zwei anziehende Läden der Marktgasse, Ex Libris und die Amavita-Apotheke, zogen ins Migros-Gebäude. Gleichzeitig modernisierte Coop im nahen Oberriet sein Geschäft und kündigte die Migros die Eröffnung einer Oberrieter Filiale an. Die Hoffnung auf eine autofreie Altstätter Marktgasse wurde durch Aussagen gedämpft, die keine Klarheit schufen. Und nun kommt jener Tag – der 27. November –, an dem Altstättens Bürgerschaft entscheidet, ob ein neues Rathaus gebaut wird oder nicht.

Es ist wie so oft: Die Befürworter eines Neubaus melden sich begeistert zu Wort; die Gegner schweigen, weil sie nicht als Nestbeschmutzer gelten wollen, als Spielverderber, die andern die Vorfreude vergällen; lieber sind sie still – und stimmen dann Nein. Sie denken sich: Muss Altstätten klotzen, anstatt radikal eine Politik des tieferen Steuerfusses zu verfolgen? Liesse sich das Rathaus nicht bescheidener und somit kostengünstiger erneuern als es die Sanierungsvariante vorsieht? Ist es richtig, ein 51-jähriges Rathaus abzureissen, obschon ein gewaltiges Hallenbad-Projekt auf die Stadt zukommen dürfte? Müsste ein durch und durch überzeugendes Stadtentwicklungsprojekt nicht von Anfang an klipp und klar so daherkommen, dass man sagen könnte: Jawohl, dieses Projekt macht die Marktgasse autofrei? Und, vor allem: Hat sich nicht die einst plausible Ausgangslage so verändert, dass ein Marschhalt angezeigt gewesen wäre – ein Innehalten, vielleicht eine Wegkorrektur? Müssten nicht die Läden und Geschäfte einer neuen Überbauung unmittelbar bei der Marktgasse liegen – auf Kosten des Rathauses, das aus «historischen und städtebaulichen Gründen» (die das Städtchen leider nicht beleben) an seinem bisherigen Ort bleiben soll?

Ob Altstätten nach dem allfälligen Bau eines neuen Rathauses auch die weiteren geplanten Schritte tun kann, ist ungewiss. Zwar hat Altstätten zu überbauende Grundstücke in Zentrumsnähe zum Verkauf ausgeschrieben, aber dass es hier wie vorgesehen vorwärts geht, ist eine vor allem vom Wünschen und weniger von harten Fakten geleitete Vorstellung. Dass alles wunschgemäss funktioniert, kann freilich niemand garantieren. Die wirtschaftlich schlechten Zeiten sind auch keine Hilfe. Das eingangs beschriebene Städtchen der Zukunft versteht der Stadtrat denn auch als Vision, und mit diesem Begriff wird das Gutachten zur Abstimmung eröffnet. Gegen Ende heisst es: «Das Projekt symbolisiert eine positive Vorwärtsstrategie, die vom Glauben an die Zukunft getragen wird.» Um diesen Glauben dreht sich letztlich alles.

Wer in Altstätten bleibt, der hat dafür in aller Regel einen simplen Grund: Es gefällt ihm hier. Er ärgert sich vielleicht über den hohen Steuerfuss, über politische Vorgänge und manches mehr. Aber er bleibt, weil ihm Altstätten gefällt. Die Umgebung, das Städtli, die Menschen. Er bleibt und glaubt, dass das, was ihm missfällt, nur besser werden kann. Dass selbst Symbole wie ein neues Rathaus Wunder wirken können. Doch ein neues Rathaus ist viel mehr als ein Symbol. Es ist einerseits Teil eines grossen Gesamtentwurfs und untrennbar mit ihm verbunden, andererseits aber ein separates Projekt, das Altstätten sich gönnen sollte. Ja, gönnen! Was für das Städtchen erarbeitet wurde, ist so sehr aus einer tiefen Resignation heraus entstanden, dass das Ergebnis durchaus euphorisieren kann. Insofern ist es nicht verwunderlich und auch nicht zu beklagen, wenn ein grosses Projekt (zu dem auch das Rathaus gehört) trotz geänderter Vorzeichen durchgezogen und sozusagen versucht wird, für Altstätten endlich einmal einen Pflock einzuschlagen.

Wäre Altstätten ein prosperierender Ort, liesse sich der Forderung nach einem Marschhalt bedenkenlos zustimmen; doch Altstätten ist leider keine Stadt mit sehr viel Zeit. Obschon die Pläne von der Entwicklung überholt wurden und sie sich vom ursprünglichen Ideal entfernt haben, können sie doch sehr viel Gutes bringen. Wichtig ist nicht nur, wie genau Altstättens Zentrum in fünf Jahren aussieht, sondern ebenso, was Altstätten aus diesem anderen Aussehen, aus dieser sichtbaren Entwicklung macht. Ob es vor allem die Markt- und Obergasse als hochwertige Einkaufsstrassen zu etablieren vermag und dabei auch innovative Lösungen zur Ansiedlung attraktiver Läden (z. B. die gebäudeübergreifende Zusammenlegung von Ladenfläche) zulässt. Dann versetzt der Glaube vielleicht wirklich Berge.

Auch wenn das Rathaus aus dem Kontext einer Stadtentwicklung herausgelöst und als blosses Neubau- oder Sanierungsprojekt betrachtet wird, ist sein Zustand ein triftiger Grund, es zu ersetzen. Den Nagel trifft der folgende Satz aus einem dieser Tage erschienenen Leserbrief auf den Kopf: Es sei geradezu unverantwortlich, angesichts der ausgewiesenen Differenz zwischen Neubau- und Sanierungskosten etwas Halbneuem den Vorzug zu geben.