Eine Nationalblume für die Schweiz

Die Brasilianer haben es leicht. Sie haben eine amtlich beschlossene Nationalblume: Laelia purpurata, eine Traumorchidee, die gerade jetzt im Wintergarten bei uns blüht. In Panama ist es auch eine Orchidee, die Flor de Espíritu Santo, also die Blume vom heiligen Geist. In Polen ist es schlicht der Mohn.

Urs Stieger Berneck, Www.u-Stieger.com
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Die Brasilianer haben es leicht. Sie haben eine amtlich beschlossene Nationalblume: Laelia purpurata, eine Traumorchidee, die gerade jetzt im Wintergarten bei uns blüht. In Panama ist es auch eine Orchidee, die Flor de Espíritu Santo, also die Blume vom heiligen Geist. In Polen ist es schlicht der Mohn.

Und bei uns? Da sich unser Parlament mit weit wichtigeren Themen wie Schnaps-Subventionen und anderen Schweiz-bewegenden Themen beschäftigen muss, gibt es keinen Beschluss darüber, welche Blume unserer Mentalität, unserem Wesen und unserer Identität am nächsten kommt.

Das Edelweiss gilt für viele als Alpenblume schlechthin. Vor der letzten Eiszeit gab es keine bei uns, ihre Heimat ist Zentralasien. Bei der Wiedererwärmung blieb es im ganzen Alpenraum und konnte sich den neuen klimatischen Bedingungen anpassen. Aber auch die Österreicher, die Bayern, die Franzosen und Italiener der Seealpen sehen in ihm ein Symbol der Einheit.

Als ich, als Kind noch, zum ersten Mal im Alpstein ein Edelweiss sah, konnte ich nicht verstehen, dass man um solch eine graue Maus wie diese Blume so ein «Gschess» macht, gab es doch rundherum um den Standort weit schönere, bunte und grössere Blumen: Eisenhut, Germer, gelber Enzian. Warum nur dieses unscheinbare Edelweiss? Wir sangen damals auch Lieder, in denen der mutige «Buab» in höchste Felsen klettert, um seiner Angebeteten den Liebesbeweis in Form von Edelweiss zu bringen – um dabei jämmerlich durch Absturz zu Tode zu kommen. 19. Jahrhundert pur! Aus dieser Zeit stammt auch der Kult um das Edelweiss. Nur – Pflanzen halten sich nicht an Grenzen von Nationalstaaten.

Die schönsten Edelweissmatten sahen wir auf einer unserer Velotouren vom Monte Viso ans Mittelmeer in den Seealpen: Edelweiss wie Gras, dazwischen verrostete Trümmer von Mörsern und Granaten aus dem Krieg. Beide, Franzosen wie Italiener, verwendeten das Edelweiss als Symbolpflanze. Krieg auf Edelweissfeldern, 2500 Meter über Meer, in einer fast heilig schönen Landschaft!

Das Edelweiss hat Qualitäten, die erst in den letzten Jahren richtig erforscht und kommerzialisiert wurden. Darum wird eine spezielle Sorte im Flachland tonnenweise angebaut und unter anderem in Sonnenschutzpräparaten eingesetzt.

Ich plädiere für die Kornrade als Nationalblume der Schweiz! Kornrade? Dieses Unkraut, das früher häufig in Kornfeldern vorkam, ist in der Schweiz fast verschwunden. Sie könnte gut ein Symbol werden für die Notwendigkeit, sorgsamer mit unserer Schweiz umzugehen.

Also eine Petition starten? Ach was, siehe Nationalhymne! Wir sind kein «einig Volk von Brüdern». Schwestern gab es damals eh nicht.

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