«Ein, zwei Lieder singen reicht nicht»

Seit fünf Jahren leitet Rainer Thiede die Musikschule Am Alten Rhein. Er befürwortet den neuen Verfassungsartikel zur musikalischen Bildung, der am 23. September zur Abstimmung an die Urne kommt. Am Tag der Musik möchte Thiede auf die Wichtigkeit des Artikels aufmerksam machen.

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Schulleiter Rainer Thiede unterrichtet selbst Gitarre. (Bild: Seraina Hess)

Schulleiter Rainer Thiede unterrichtet selbst Gitarre. (Bild: Seraina Hess)

Herr Thiede, am 1. September ist schweizweit «Tag der Musik». Was plant die Musikschule Am Alten Rhein zu diesem Anlass?

Rainer Thiede: Wir veranstalten ein Konzert an der Zwetschgen-Chilbi in Altenrhein (17 Uhr), zusammen mit verschiedenen Musikvereinen und Chören unserer Region. Das Ziel ist, die Bevölkerung auf die bevorstehende Abstimmung aufmerksam zu machen. Zudem kann das Publikum so die musikalische Bandbreite der Region kennenlernen. Auch in Zukunft soll es mehr Zusammentreffen zwischen den Musikvereinen, Chören und der Musikschule geben.

Weshalb legen Sie Wert auf ein solches Zusammentreffen?

Thiede: Weil Musikvereine und Chöre auf Mitglieder angewiesen sind, die in der Musikschule ausgebildet werden. Beide sind an einem Ja des Volks zum neuen Verfassungsartikel interessiert, da die musikalische Grundbildung existenziell ist für einen Musikverein, der auf hohem Niveau musizieren möchte.

Bitte erklären Sie genauer, was der vorgeschlagene neue Verfassungsartikel beinhaltet.

Thiede: Der Artikel zur musikalischen Bildung legt fest, dass sich der Bund im Rahmen seiner Zuständigkeit in den Kantonen für einen hochwertigen Musikunterricht einsetzt, falls dies nötig ist. Ein weiterer Punkt ist, dass die Arbeit von Musikschulen auf ein gesetzliches Fundament gestellt wird. Momentan gibt es im Kanton St. Gallen keinerlei Rechtsgrundlagen für eine Musikschule. Das heisst, dass Gemeinden jederzeit aus der Musikschule austreten können. Das hätte schlimme Folgen für Musikvereine. Müssten diese die Instrumental-Ausbildung der Mitglieder selbst übernehmen, würde das Niveau beträchtlich sinken.

Der Bund soll in Zukunft also in die Bildungshoheit der Kantone eingreifen?

Thiede: Nein, so ist es nicht, obwohl das von Gegnern immer wieder behauptet wird. Erst dann, wenn der Musikunterricht vernachlässigt wird und der Kanton seine Aufgabe nicht wahrnimmt, erlässt der Bund Richtlinien. Wird die Pflicht im Kanton erfüllt, wird sich auch nichts ändern.

Finden Sie, die Musik kommt an den St. Galler Volksschulen zu kurz?

Thiede: Nicht prinzipiell. Seit einigen Jahren gibt es die musikalische Grundschule im zweiten Kindergarten und der ersten Klasse. Zudem kenne ich in meinem Umfeld viele sehr kompetente Musiklehrer. Dennoch gibt es in unserem Kanton die Tendenz, dass in der Lehrer-Ausbildung das Fach Musik immer früher abwählbar wird.

Jemand, der an der Pädagogischen Hochschule nicht zum Musiklehrer ausgebildet wurde, wird wohl nicht Musik unterrichten.

Thiede: Doch, so ist es leider. Es gibt immer weniger Lehrer, die die passende Ausbildung absolvieren. Aus diesem Grund sind Musiklehrer gesucht, was wiederum dazu führt, dass nicht zureichend ausgebildete Personen Musik unterrichten. So wird beispielsweise das Mitsingen zu einer CD als Unterricht bezeichnet. Der Lehrplan wird dadurch weitgehend vernachlässigt.

Würden Sie, wenn es in Ihrer Macht stünde, die Anzahl Musik-Lektionen in der Volksschule erhöhen?

Thiede: Nein, bestimmt nicht. Zwei Stunden Musik sind hervorragend. Es muss aber gewährleistet sein, dass die Lektionen mit hochwertigem Stoff gefüllt werden. Morgens und nachmittags ein Lied singen – das reicht nicht.

Der dritte Punkt des Artikels ist die kantonale Regelung der Begabtenförderung. Erklären Sie bitte, weshalb dieses Anliegen für Sie von Bedeutung ist.

Thiede: Unser Nachwuchs gelangt über den Musikunterricht an der Volksschule an die Musikschule und anschliessend über die Begabtenförderung an die Hochschule. Wenn ich als Musikschulleiter versuche Lehrkräfte einzustellen, bin ich leider zu 50 Prozent auf das Ausland angewiesen. Es ist einfach kaum möglich, in der Schweiz adäquat ausgebildete Lehrpersonen zu finden. Eine einheitliche Regelung der Begabtenförderung könnte bewirken, dass sich diese Situation verbessert.

Werden Sportbegabte besser gefördert als Musikbegabte?

Thiede: Ja, so ist es. Angenommen, ein Schüler ist talentiert im Sport, kann er jederzeit nach der Schule am Training teilnehmen. So etwas gibt es für Musikschulen erst ganz oberflächlich. Als musikbegabtes Kind ist man heute auf die Einzelinitiative von Eltern und Schulen angewiesen.

Sie selbst kommen aus Deutschland. Trotzdem plädieren Sie für mehr einheimische Lehrkräfte. Weshalb?

Thiede: Das ist deshalb so, weil ich beruflich auf der ganzen Linie die Schweiz vertrete. Es geht darum, der Schweizer Jugend eine Perspektive zu geben. Bei uns in der Musikschule kommt vielleicht alle vier, fünf Jahre einmal ein Schüler heraus, der Ambitionen hat, Musik zu studieren. Das ist wirklich ein Problem, denn wir können die Suche nach Lehrkräften nicht immer mehr ins Ausland verlagern.

Wer finanziert heute die Begabtenförderung im Bereich Musik?

Thiede: Das sind die Eltern, die dafür aber einen grossen Geldbeutel benötigen. Viele können sich das nicht leisten. Genau dort würde der Verfassungsartikel die Schüler auch in finanzieller Hinsicht unterstützen. Momentan gibt es keinerlei Subventionen, und da muss man sich nicht wundern, wenn am Ende kein Schweizer mehr Musik studieren kann und an den Universitäten im entsprechenden Studiengang ein Ausländeranteil von 60 bis 70 Prozent besteht.

Ist Musik für Sie ein Teil der Persönlichkeitsentwicklung?

Thiede: Auf jeden Fall. Wenn man heute in Ausbildungsbetriebe geht, sieht man, dass viele der Lernenden nicht mehr ausbildungsfähig sind. Sie sind zwar sehr wohl in der Lage, Befehle auszuführen, aber nicht, selbst Entscheidungen zu treffen. Diese Entscheidungsfähigkeit und die Selbstinitiative – das ist das, was Musik bildet. Wer musiziert, ist in einem permanenten Entscheidungsprozess.

Ist es nicht sehr radikal formuliert, wenn man behauptet, Menschen ohne musikalische Bildung seien nicht entscheidungsfähig?

Thiede: Nein, ist es nicht. Es gibt auch andere Bereiche, die sich positiv auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken, es muss nicht unbedingt die Musik sein. Ob Sport, Kunst, Tanz oder Literatur – ich bin grundsätzlich offen für alles, was aus diesem Bereich kommt. Leider werden viele dieser Aktivitäten in der Gesellschaft und in der Schule an den Rand gedrängt. Das ist nicht richtig, denn wer Musik praktiziert, hat etwas fürs Leben.

Von den anderen Schulfächern bleibt nichts fürs spätere Leben?

Thiede: Vielleicht ein wenig Grundwissen, viel mehr aber nicht. Ich kenne Leute, die arbeiten an ihrer Doktorarbeit, haben aber Mühe, den Dreisatz hinzukriegen. Wer aber mit 35 Jahren in einem Musikverein spielt, der kennt noch immer sämtliche Notenwerte, sämtliche rhythmischen und dynamischen Werte, die er damals in der Musikschule gelernt hat.

Wird sich im Rheintal etwas ändern, falls die Vorlage angenommen wird?

Thiede: Davon bin ich überzeugt, vor allem im Bereich Musik- und Talentschule. Vermutlich werden die Musikschulen vermehrt in die Volksschule integriert. Das heisst auch, dass Lehrpersonen des Instrumental-Unterrichts den anderen Lehrern gleichgestellt wären. Momentan heissen wir zwar Lehrer, sind aber städtische Angestellte. Um ein 100-Prozent-Pensum zu absolvieren, muss ein Instrumental-Lehrer 30 Vollstunden pro Woche unterrichten: Das ist aussichtslos, wenn Schüler nur zu Randzeiten verfügbar sind.

Wird die Finanzierung der Musikschulen vollständig vom Kanton übernommen werden?

Thiede: Bestimmt nicht, so etwas würde auch niemand vom Kanton erwarten. An unserer Musikschule haben wir eine sehr gute Preisstruktur, wir sind ziemlich günstig. Der Bevölkerung soll aber klar sein, dass die Musikschule genau wie die Volksschule ein Bildungsgut ist und ein bestehendes Angebot obligatorisch sein muss. Dennoch wird die Musikschule immer kostenpflichtig und freiwillig bleiben.

Was denken Sie, was passiert, wenn der Verfassungsartikel nicht angenommen wird?

Thiede: Das wäre fatal für uns. Dann wird nämlich in Zukunft jede weitere Initiative von Musikschulen, die sich in Richtung Verbesserung des Angebots oder Stärkung des Unterrichts bewegen wollen, im Keim erstickt, weil man sagen wird: Das Volk will das sowieso nicht.

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