Ein wenig Raum für Wildtiere

Mit den Renaturierungsarbeiten im Gebiet Schluch bei Lienz werden gleich mehrere Ziele verfolgt. Unter anderem soll ein Wildwechsel entstehen, welcher unter der Autobahn-Brücke hindurch führt.

Kurt Latzer
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Im Gebiet Schluch erhält der Kanal eine Ausbuchtung, auf dem kleinen Damm und rechts davon sowie unter der Brücke hindurch soll der neue Wildwechsel führen. (Bild: Kurt Latzer)

Im Gebiet Schluch erhält der Kanal eine Ausbuchtung, auf dem kleinen Damm und rechts davon sowie unter der Brücke hindurch soll der neue Wildwechsel führen. (Bild: Kurt Latzer)

Lienz. Der ursprüngliche Wildwechsel über den Rhein Richtung Vorarlberg wurde durch den Bau der Autobahn zunichte gemacht und befand sich früher etwa 100 bis 200 Meter weiter südlich des Gebietes Schluch, Lienz.

Zwischen 1997 und 1999 führte die Vogelwarte Sempach eine Studie durch bezüglich der Schweizer Wildtierkorridore. Insgesamt wurden dabei 303 Korridore von nationaler Bedeutung ausgeschieden, wovon allerdings lediglich noch 84 Wildtierwechsel einigermassen intakt waren. Gemäss Inventar galten 179 Korridore als beeinträchtigt, was heisst, dass die Tiere mehrere hundert Meter offenes Agrarland ohne jegliche natürliche Deckung queren oder stark frequentierte Strassen überwinden müssen.

«Nur hinkommen müssen sie»

In den vergangenen Jahren entstanden vielenorts sogenannte Ökobrücken, künstlich geschaffene Wildwechsel über stark befahrene Strassen. So auch im St. Galler Rheintal bei Rüthi.

In einem aber sind sich die Fachleute wie Wildhüter Peter Eggenberger im Klaren, im Gegensatz zu manch einem Politiker: «Der Bau von Ökobrücken über die Autobahnen ist super, nur hinkommen müssen sie, die Wildtiere. Die Brücken allein, so wertvoll sie auch sein mögen, nützen nichts, wenn sie die Wildtiere nicht oder nur schwer erreichen können», sagt der engagierte Wildhüter. Das sind teilweise natürliche Lenkungsstrukturen, welche die Wildtiere bis an den Talgrund bringen und ihnen ermöglichen, an günstigen Orten grosse Täler zu queren.

Neue Verbindung im Schluch

Auf einem Ausflug zwischen Rüthi, Lienz und Sennwald zeigte Peter Eggenberger auf, wo und weshalb das Wild dort Huf und Pfote drücken. «Der Lienzer Spitz und die Littenwand zwischen Lienz und Sennwald bilden für das – allenfalls auch aus dem Appenzellerland zugewanderte – Wild, wie etwa das Rotwild, eine natürliche Barriere. Gegen das Tal steht nur ein schmaler Waldstreifen für den Wechsel zur Verfügung», betont der Wildhüter.

Klar sei, dass mögliche Wanderbewegungen Nord–Süd unterhalb der Littenwand auf jeden Fall erhalten werden müssten. Dass dies nicht immer einfach ist, zeigt sich beim Besuch vor Ort. Die «Schlupflöcher», durch die das Wild vom Bergland her ungestört zu Kanal und Rhein wechseln kann, sind selten geworden.

Ein bisschen Raum zugestehen

Einen weiteren Meilenstein zur Verbesserung dieses Wildkorridors zwischen Bergli, Littenwand, Lienzer Spitz und Kanal sowie Rhein sehen die Fachleute in der Wiederherstellung des alten Wildwechsels. Dieser soll nun im Zuge der Renaturierungsarbeiten zwischen Steinbruch Lienz und Schluch-Mündung in den Rhein wiederhergestellt werden. Der Bau ist nur deshalb möglich, weil die Autobahnbrücke sechs bis acht Meter über dem Terrain des Dammwegs im Schluch liegt.

Um ideale Bedingungen für den Wildwechsel zu schaffen, soll der Uferweg – auf der Seite des Steinbruchs – entfernt und die Zufahrt leicht verlegt werden. Auf der gegenüberliegenden Seite des Kanals wird der Teerbelag des Weges entfernt. Der Kanal selbst soll beim Schluch eine Ausbuchtung erhalten, daneben ist eine Naturwiese geplant.

Einen Kummer aber hat Peter Eggenberger auch noch nach der Realisierung des neuen Wildwechsels hin zum Rhein: Das Gebiet zwischen Lienz, Sennwald und dem Rhein sei auch ein Naherholungsgebiet. Viele Leute würden hier in ihrer Freizeit joggen, Velo fahren, reiten oder mit den Hunden spazieren. «Wenn wir wollen, dass unsere Wildtiere auch in Zukunft noch einen Platz bei uns haben, dann müssen wir ihnen auch ein bisschen Raum zugestehen», betont Eggenberger. Ein Anliegen wäre ihm, den Weg auf dem Damm des Kanals auf der gegenüberliegenden Seite des Steinbruchs Lienz in Richtung Sennwald zu sperren. Denn auf dem kleinen Stück Freiraum sollten sich die Wildtiere auch möglichst ungestört bewegen können.

Der Clou an der ganzen Sache sei, dass es sich bei Hündelern und Reitern ebenfalls um tierliebende Menschen handle, allerdings lediglich auf ihre Sicht beschränkt. Gerade bei ihnen wünscht sich der Wildhüter ein wenig mehr Rücksicht, bei Massnahmen wie eben der Einhaltung von Ruhezonen des Wildes.

Fotofallen geben Aufschluss

Denn dass das Wild den Weg hin zu Kanal und Rhein sucht, sei mehrfach belegt. Aufgrund immer wieder zu sehender Spuren in frischem Schnee oder anhand von Aufnahmen, die mit Fotofallen gemacht werden, zeige sich, dass verschiedenste Tiere das Gebiet aufsuchen. Und damit seien nicht nur Reh und Hirsch gemeint, sondern auch Fuchs, Dachs und Hase. Beim Besuch des Gebietes Schluch Anfang Jahr fanden sich im frischen Schnee Spuren von Hirsch, Hase und Fuchs.

Mittels Fotofalle lässt sich der Wildwechsel dokumentieren. (Bild: kla/z.Vfg.)

Mittels Fotofalle lässt sich der Wildwechsel dokumentieren. (Bild: kla/z.Vfg.)

Auf der Seite der Autobahnbrücke entsteht eine Naturwiese. Auch dort wünscht sich Peter Eggenberger weniger «Verkehr» fürs Wild. (Bild: kla)

Auf der Seite der Autobahnbrücke entsteht eine Naturwiese. Auch dort wünscht sich Peter Eggenberger weniger «Verkehr» fürs Wild. (Bild: kla)