Ein Selfie mit Folgen

Garten

Urs Stieger
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Märzenstern und Magnolien: Schnecken mögen die Märzensternblüten. (Bild: Urs Stieger)

Märzenstern und Magnolien: Schnecken mögen die Märzensternblüten. (Bild: Urs Stieger)

Die Erzählung der alten Griechen ist uralt und trotzdem topaktuell: Die grenzenlose Selbstverliebtheit grassiert beim klei- nen Schüler bis zum blondierten Häuptling im gelobten Land, Zeitgenossinnen sind nicht ausgenommen.

Narziss, Sohn eines Flussgottes, war über alle Massen verliebt in sein Abbild, das er mangels Handy im Fluss gespiegelt sah. Eine kleine Welle veränderte dieses Bild von Schönheit, Narziss erlitt einen Schock und verstarb, wie in diesen Überlieferungen so üblich, augenblicklich. «Ach, du hoffnungslos geliebter Knabe, lebe wohl!» sollen seine letzten Worte gewesen sein, die von der Nymphe Echo immer wiederholt wurden. Die ihn Suchenden fanden Narziss nicht, dafür blühten gelbe Blumen, Narzissen, an dem Ort. Die berühmte Geschichte in vielen Variationen hat inzwischen mehr als 2000 Jahre auf dem Buckel und wird trotzdem immer noch in Kunst und Literatur verarbeitet.

Die Narzissen aber sind die ersten Knaller in Natur und Frühlingsgarten. Das scharfe Gelb in den zarten Grüntönen würde man eher als neuere Züchtung auffassen, mit Farbe klotzen. Die Naturformen sind aber genau so gelb, andere Frühblüher wie Winterling oder Scharbockskraut auch.

Seit der «orientalischen Phase» im 16. Jahrhundert sind Narzissen auch in europäischen Gärten ein Thema. Millionen werden, vor allem in Holland, auch als Schnittpflanzen gehandelt. Dabei werden die Blüten noch völlig geschlossen abgeknipst und auf eine 800-Kilometerreise geschickt. Zwei Tage später stehen sie in den Blumenläden bei uns im Verkauf.

Narzissen sind das Einfachste, um im Topf, aussen auf der Fensterbank, im Kistchen, im Gartenbeet, in der Wiese, überall dort, wo es etwas kühl und ein bisschen Erde vorhanden ist, dieses diffuse Frühlingsgefühl zu verstärken. Die typischen Röhrenblumen sind an sich schon exklusiv und in dieser Grösse bei unseren Blumen eher selten. Dann leuchten sie mit einem Gelb, das reiner nicht sein kann und eine richtige Signalwirkung hat.

Der Name leitet sich aus dem griechischen Wort «narkeïn», betäuben, ab. Es gibt Narzissen wie die Dichternarzisse (Narcissus poeticus, weisse Narzisse)mit narkotisierendem Duft, das ist nicht nur poetisch gemeint. Überhaupt haben Narzissen ziemlich potente Inhaltsstoffe gegen Schädlinge entwickelt. Wer dann noch im Beet letztjährige Zwiebeln mit Osterglockenzwiebeln verwechselt und diese als Frühlingszwiebeln im Salat mitisst, hat ein ziemlich deftiges «Geschenk». Sogar andere Blumen in der Vase ertragen die Säfte der Narzissen nicht.

Trotzdem, Paul Gerhard hat es vor langer Zeit auf den Punkt gebracht:

Narzissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide.

Urs Stieger

Berneck

www.u-stieger.com

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