Ein Schutzpatron gegen die Pest und Aids

1487 erlaubt der Abt von St. Gallen den Rebsteinern den Bau einer eigenen Kapelle mit dem heiligen Sebastian als Schutzpatron. 1774 gestattet der St. Galler Abt der Pfarrei Marbach, zu der Rebstein gehört, die jährliche Feier dieses Schutzpatrons.

Werner Kuster
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Die alte Kapelle St. Sebastian auf dem Dorfplatz in Rebstein (aus Eugen Gruber, Geschichte von Rebstein). (Bild: pd)

Die alte Kapelle St. Sebastian auf dem Dorfplatz in Rebstein (aus Eugen Gruber, Geschichte von Rebstein). (Bild: pd)

1487 erlaubt der Abt von St. Gallen den Rebsteinern den Bau einer eigenen Kapelle mit dem heiligen Sebastian als Schutzpatron. 1774 gestattet der St. Galler Abt der Pfarrei Marbach, zu der Rebstein gehört, die jährliche Feier dieses Schutzpatrons. Rund dreihundert Jahre liegen zwischen diesen zwei Ereignissen – die Ursachen aber sind grundsätzlich die gleichen.

In den 1460er- und 1480er-Jahren wütet in Rebstein die Pest und rafft die Menschen dahin. In dieser Ohnmacht liegt die einzige Hoffnung im heiligen Sebastian, dem Schutzheiligen gegen Pest und Seuchen. Ihm zu Ehren versprechen die Rebsteiner den Bau einer Kapelle. Weil die Rebsteiner kirchlich zu Marbach gehören, wehren sich die Marbacher. Sie erreichen beim damaligen Kirchenherrn, dem Abt von St. Gallen, dass die Kapelle in Rebstein Bestandteil der Mutterkirche in Marbach bleibt. Ohne Wissen und Erlaubnis des Pfarrers in Marbach und des Abts von St. Gallen dürfen keine Gottesdienste in Rebstein stattfinden, Opfergaben in der Rebsteiner Kapelle gehören dem Marbacher Pfarrer, Schenkungen an die Rebsteiner Kapelle werden als Bestandteil des Marbacher Kirchenvermögens betrachtet.

Rund dreihundert Jahre später: Zwischen 1763 und 1771 herrscht eine Kälteperiode. Sie führt zu Rheinüberschwemmungen und Missernten. Viele Menschen sterben an Hunger oder an Infektionskrankheiten, die von verdorbener Nahrung oder schlechten hygienischen Verhältnissen herrühren: Ruhr, Fleckfieber oder Typhus. Am 6. Januar 1772 schreibt der Pfarrer in Marbach, dass in seiner Pfarrei schon seit einiger Zeit «eine ansteckende, gefährliche Kranckheit überhand genommen und vielle leüth in das grab gelegt» habe. Zahlreiche Pfarreiangehörige hätten Zuflucht zum heiligen Sebastian genommen und sich entschlossen, den Tag des Schutzpatrons jährlich am 20. Januar zu feiern.

1774 traf die definitive Erlaubnis des Abts von St. Gallen ein. Er befahl, jeweils am 20. Januar alle knechtliche Arbeit zu unterlassen und die Gottesdienste zu besuchen. Nach der Frühmesse in der Kirche Marbach sollte eine Prozession mit Fahnen und Kreuz zur Kapelle in Rebstein stattfinden, wo die heilige Messe zelebriert wurde. Deren Ablauf war bis ins Detail festgelegt. Nach dieser Messe kehrte die Prozession nach Marbach zurück. Dort fanden nachmittags eine Christenlehre und verschiedene religiöse Zeremonien statt.

Der heilige Sebastian wurde nach der Legende vom römischen Kaiser Diokletian (284 bis 305) wegen seinem Einsatz für den christlichen Glauben an einen Baum gebunden und von Bogenschützen mit Pfeilen durchbohrt, überlebte jedoch wie durch ein Wunder, bevor er endgültig zu Tode gepeitscht wurde. Er gilt auch als Patron von Soldaten, von Waldarbeitern, von Bürstenbindern usw. Als Schutzheiliger gegen unheilbare Krankheiten blieb er – etwa bei Aids-Kranken – bis in die heutige Zeit aktuell.

Über weitere Funde im Rahmen des Projekts Rechtsquellen und Geschichte des Rheintals wird demnächst berichtet.

Die Papierurkunde von 1774 im katholischen Pfarrarchiv in Rebstein. (Bilder: Werner Kuster)

Die Papierurkunde von 1774 im katholischen Pfarrarchiv in Rebstein. (Bilder: Werner Kuster)

Die Pergamenturkunde von 1487 im katholischen Pfarrarchiv Rebstein.

Die Pergamenturkunde von 1487 im katholischen Pfarrarchiv Rebstein.

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