Ein Rhythmus wie beim Schaukeln

«Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.» (Johannesevangelium 3, 30) So sagt Johannes der Täufer über Jesus. Dabei geht es ausnahmsweise mal nicht ums Körpergewicht.

Manuela Schäfer Pfarrerin In Berneck
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«Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.»

(Johannesevangelium 3, 30)

So sagt Johannes der Täufer über Jesus. Dabei geht es ausnahmsweise mal nicht ums Körpergewicht.

Seit Weihnachten wurden die Tage länger. Von jetzt an werden sie wieder kürzer. Das ist kaum zu glauben, kommt es uns doch so vor, als ob der Höhepunkt des Sommers noch bevorsteht.

Wenn wir uns das Jahr als einen Kreis vorstellen, liegen wir nun ziemlich genau gegenüber von Weihnachten. Die erste Jahreshälfte, zum Glück ist sie geschafft, werden die einen sagen. Das ging wieder viel zu schnell, so kommt es den anderen vor.

Alles wächst, blüht, reift und steht in seiner Fülle, aber schon beginnt die Begrenzung. Es ist ein Rhythmus wie beim Hin- und Herschaukeln oder beim Ein- und Ausatmen. Auf der Höhe der Zeit zieht sich alles wieder zurück. Die christliche Tradition hat, wie so oft, dem Naturjahr einen Paten für diese Zeit an der Sommersonnenwende zur Seite gestellt: Johannes der Täufer. Er gehört zu den auffälligen Gestalten der Bibel mit seinem Kleid aus Kamelhaar. Auch seine Botschaft ist nicht ganz ohne: Als Prediger in der Wüste rief er die Menschen zur Umkehr auf. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die Grenzen, die uns gesetzt sind. Er steht damit für das, was gerade wir heutigen Menschen nicht gerne akzeptieren. Vielleicht heisst Busse tun heutzutage zu erkennen: ungebremstes Wachstum, unendliche Möglichkeiten führen nicht zum Ziel. Schranken sind nicht nur da, um sie zu überwinden, sondern können auch heilsam sein.

Johannes macht den Menschen klar, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. Er ruft sie auf, sich Gott zuzuwenden. Er ist auf dem Höhepunkt seines Wirkens, als er Jesus tauft. Das wird für ihn zur Wende, denn die Tätigkeit Jesu beginnt. Unser Blick richtet sich nun auf Jesus, Hoffnung und Ziel unseres Lebens.

Das Fest des Johannes, Schirmherr für die Mitte des Jahres, ermutigt uns, unsere Grenzen zu akzeptieren und gleichzeitig die Zeit auszukosten. Gefragt ist die Konzentration auf das, was uns möglich ist, auf das, was in unserem Leben wachsen und Frucht werden kann. Der Weg zurück beginnt schon bei den Kräften der Natur. In der Zwischenzeit sollen wir das geniessen, was uns geschenkt ist. Die Zeit von Rhabarber und Spargel mag vorbei sein, aber diejenige vieler Früchte beginnt erst. Gottes Segen, der sich auch in der verschwenderischen Vielfalt der Natur zeigt, begleite uns durch den Sommer.