«Ein gutes Jahr wird es sicher nicht»: Rheintaler Reisebüros hoffen auf baldige Öffnung der Grenzen und Lockerung der Massnahmen

Wie Ferienflieger sind auch Reisecars ausser Betrieb. Das ändert erst, wenn die Reiselust die Bedenken überwiegt.

Monika von der Linden
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Wie im St.Galler Kantonsspiel: Bis die Grenzen wieder offen sind, müssen wir die Ferien im Inland verbringen.

Wie im St.Galler Kantonsspiel: Bis die Grenzen wieder offen sind, müssen wir die Ferien im Inland verbringen.

Bild: Monika von der Linden

Der Tourismus ist vollkommen erlegen. Die Grenzen sind geschlossen. Öffentliche Verkehrsmittel fahren nur eingeschränkt. Am Himmel sieht man kaum mehr Flugzeuge. Reisecars stehen in den Depots, ihre Zulassungsnummern sind hinterlegt. Es ist nicht das erste Mal, dass der Tourismus Leidtragender einer Krise ist. Sybille Graf, Inhaberin Grafity Reisen in Rebstein, sagt:

«Unsere Industrie ist oft betroffen, wenn etwas in der Welt geschieht.»

Sie spricht vom Swissair-Grounding, der Finanzkrise, 9/11 oder der Aschewolke nach dem Vulkanausbruch in Island. Es gibt in der Schweiz eine Industrie, die von Auslandreisen lebt. «Bucht man dieses Jahr Inlandreisen in den Reisebüros, ermöglicht man es, dass wir bei Auslandreisen weiter beraten können», sagt Sybille Graf. Alles, was das Internet kann, kann auch sie anbieten.

Die Reisebüros im Rheintal sind auch jetzt personell besetzt, wenn auch unter Kurzarbeit. Die Arbeit geht den Mitarbeitern nicht aus, sie informieren ihre Kundschaft, ob eine Reise stattfindet oder eventuell verschoben wird.

Die Reisebüros kämpfen in einer ungewissen Zeit ums Überleben. Betroffen sind gleichermassen jene, die Auslandreisen diverser Veranstalter anbieten und jene, die Gruppenreisen selbst organisieren und durchführen. Prognosen abzugeben, wann der Tourismus wieder in Schwung kommen wird, ist schlicht nicht möglich.

Sitzplätze im Reisecar freilassen

Der Betrieb von Rheintal Reisen Sieber steht seit Wochen still. Alle Cars sind eingestellt, die Chauffeure in Kurzarbeit. «So brauchten wir noch niemandem zu kündigen», sagt Mitinhaberin Petra Sieber. Momentan verzeichnet das Diepoldsauer Unternehmen kaum neue Buchungen. Auch nicht für den Herbst.

«Unsere Kunden sind verhalten.»

Petra Sieber hofft, dass nach den Sommerferien wieder Touren mit kleineren Gruppen durchgeführt werden. Es müsste allerdings ein Fünfzigplätzer etwa halb leer fahren, damit die Abstandsregeln eingehalten werden können. Ehepartner zum Beispiel dürften dann aber nebeneinander sitzen. Die Carfahrt zu organisieren ist möglich. Aber wie verbringt die Gruppe ihre Zeit am Ziel?

Reiselust muss neu erwachen

«Wir müssten im Restaurant einen grossen Saal mieten, weil nur vier Personen an einem Tisch sitzen dürfen.» Stadt- und Museumsführungen müssten auch in kleinen Gruppen durchgeführt werden. Das erfordert mehr Personal.

«Ein gutes Jahr wird es sicher nicht.»

Petra Sieber ist aber zuversichtlich, dass das Fa­milienunternehmen die Krise übersteht. «Ich hoffe auf Lockerungen durch die Politik.» Nachdem die Regeln gelockert sind, wird es noch einige Zeit dauern, bis die Menschen umdenken und ihre Reiselust zurückkehrt.

«Im Moment warten unsere Kunden darauf, sich wieder in der Familie treffen zu dürfen», sagt Remo Köppel, Mitinhaber Köppel Ferien AG in Au. «Auf die Lockerungen des Bundesrates folgt erst eine Reaktionszeit des Gefühls.» Viele Menschen werden sich fragen, ob Ferien so nötig sind, dass sie sich im Zweifel für sie entscheiden. «Wir können das nicht entscheiden, wir sind Auftragnehmer für Gruppenreisen. Es entscheiden andere», sagt Remo Köppel.

Ob Vereine oder Seniorengruppen Ausflüge und Lager durchführen, entscheidet der jeweilige Vorstand. Klassenlager und Schulreisen finden nur statt, wenn die Schulbehörde die Verantwortung tragen kann und will. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kinder im August in Schullager fahren werden.» Bis sich das ändert, bleibt Remo Köppel zu Hause und seine Chauffeure in Kurzarbeit. Er sagt:

«Bereits jetzt werden Juni-Fahrten storniert.»

«Spare in der Zeit, dann hast du in der Not», sagt Urs Steiger, Geschäftsführer Reise Treff Steiger AG in Altstätten. Mit dem Sprichwort benennt er sein Ziel, mit eigenen Mitteln über die Runden zu kommen. «Ich bin nicht bereit, den in dreissig Jahren aufgebauten Familien­betrieb innerhalb von ein paar Monaten aufzugeben», sagt er.

Keine Chance auf ein Neugeschäft

Eine Chance auf Neugeschäfte hat er jetzt nicht. Sein Team beschränkt sich aufs Annullieren von Reisen. Finanziell fangen das die 50 Prozent Kurzarbeit ein wenig auf. Falls ein Veranstalter eine Reise absagt, erhält der Kunde sein Geld zurück. Rund ein Drittel von Steigers Kunden nimmt Gutscheine an. Zum Beispiel für eine Reise zur Fussball-EM, die im nächsten Jahr nachgeholt wird. «Das hilft uns dabei, liquide zu bleiben.»

Urs Steiger hofft auf neue Buchungen im Herbst. «Wir kommen wohl mit einem dunkelblauen Auge davon.» Er sorgt sich mehr um die grossen Reiseveranstalter. Überstehen sie die Krise nicht, deren Ende noch nicht abzusehen ist, müsse das Reisegeschäft komplett neu aufgesetzt werden.

«Es hängt alles davon ab, wann welche Grenzen wieder geöffnet werden.»

Zum Herbst dürften einige Destinationen öffnen

Ein typischer Anbieter von Auslandreisen ist das Kuoni Reisebüro Heerbrugg. «Wir gehen davon aus, dass im zweiten Halbjahr dieses Jahres wieder mehr Destinationen öffnen und wir unser Angebot erweitern können», sagt Markus Flick, Mediensprecher Kuoni in Zürich. Werden Reiseveranstalter sie absagen müssen, gelten die gleichen Regeln wie im Moment auch.

Bei den bis Ende Mai stornierten Reisen entsteht den Kunden kein wirtschaftlicher Schaden. Sie können die Reise verschieben, einen Gutschein beziehen oder erhalten ihr Geld zurück.

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