Ein ganzer Tag nur für Ethik

Sollte Bildung dazu beitragen, dass wir feinfühliger sind, netter und rücksichtsvoller zueinander? Mit dieser Frage haben sich die Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Heerbrugg am erstmals durchgeführten Ethik-Tag beschäftigt.

Gert Bruderer
Merken
Drucken
Teilen

HEERBRUGG. Die Schülerin Sarah Pareth aus Widnau kam – wie ein paar andere – mit einem Kuchen anmarschiert. Sie hatte ihn für diesen Tag gemacht, auf den sie sich sehr freute. Denn die Frage, ob wir uns heute an guten, angemessenen Bildungszielen orientierten, sei ein Aspekt, der sonst eher zu kurz komme.

Gespannt auf den Projekttag war auch Philipp Weder aus Au. Sein Hinweis auf den Philosophie-Unterricht lässt vermuten, dass das Thema breit interessiert haben dürfte. Mit Bezug auf die im Laufe der Kanti behandelten ethischen Fragen meinte der Schüler: «Ich glaube, es gibt niemanden in diesem Schulhaus, der den Philosophie-Unterricht nicht gern besucht hat.»

«Einfach nur peinlich»

Während 2000 Jahren sei «das Gesicht die Grundlage für Gerechtigkeit und Ethik gewesen», zitierte am Ethik-Tag Philosophie-Lehrer Dominique Künzle den Kolumnisten Stephen Marche. Wie treffend der Kanadier es formuliert, zeigen die Beispiele, die gestern die Journalistin und Fernsehmoderatorin Gülsha Adilji nach Heerbrugg mitgebracht hatte. Anonym geäusserte Beleidigungen und Hassbotschaften im Netz.

«Gülsha ist einfach nur peinlich.»

«Ich finde sie schrecklich.»

«Ich habe Steine gesehen, die intelligenter sind als dieses Kind.»

Ein kurzer Blick nach hinten, wo sich Schüler über Gülshas witzige Kommentare amüsieren, und die Frage: «Habt ihr euch im Netz auch schon mal gehen lassen?»

Ein Hauch von Empörung. Natürlich nicht!

Thema weit gefasst

Doch die «Epidemie der Gesichtslosigkeit» (Marche) im Netz ist ein verbreitetes Phänomen, das es als sinnvoll erscheinen lässt, sich mit dem eigenen Verhalten, vielleicht auch der Selbstkontrolle, auseinanderzusetzen, wie es am Ethik-Tag geschah. Das Thema war hier aber weit gefasst. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen fragten sich gemeinsam, warum sie «eigentlich an der Kanti sind, was die Kanti eigentlich soll, warum Bildung gut sein soll» – und eben, «ob Bildung uns nicht nur kritischer und informierter, sondern auch rücksichtsvoller, moralischer, netter machen soll».

Selbstreflexion

Wir alle kennen ja die Widersprüche in uns, die so genannten kognitiven Dissonanzen. Wir sagen uns zum Beispiel, dass unser CO2-Verbrauch zu minimieren wäre, und sind anderseits versucht, zu denken: Wo doch das Flugzeug sowieso fliegt!

Natürlich könne es an einem Projekttag nicht darum gehen, die Haltung von Schülern zu ändern, meinte Künzle. Aber die Diskussion, die Auseinandersetzung mit wichtigen Fragen diente zumindest der Selbstreflexion.

Schon Platon, an den Dominique Künzle erinnerte, hatte die Frage gestellt: Was macht ein anständiger Mensch, wenn er unsichtbar sein kann? Gyges, die Hauptfigur einer mythenhaften Geschichte, missbrauchte den Ring, der ihn unsichtbar machte, indem er sich unethisch verhielt.

Gemeinsam Tag verbracht

Am ersten Ethik-Tag der Kanti hatte die Diskussion in jahrgangs- und klassengemischten Gruppen noch einen anderen, ebenso wichtigen Zweck: Schüler und Lehrer, die sich sonst vielleicht nicht kennenlernen würden, verbrachten zusammen den Tag. Und stellten immer wieder fest: Auch ernsthafte Auseinandersetzung kann mit reichlich Witz verbunden sein.