Ein Engagement in der Heimat

An den Werdenberger Schloss-Festspielen singt Rahel Indermaur aus Berneck in der Oper «Die verkaufte Braut» mit. Im Interview sagt sie, warum die Rolle der Ludmilla zu ihr passt und warum sie das Schloss als Glücksfall ansieht.

Monika von der Linden
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Rahel Indermaur lebt seit zehn Jahren in Berlin. Dieses Jahr verbringt sie ihren Heimaturlaub in Berneck mit einem Engagement. Sie singt an den Werdenberger Schloss-Festspielen die Ludmilla in «Die verkaufte Braut» von Bedrich Smetana. (Bild: Monika von der Linden)

Rahel Indermaur lebt seit zehn Jahren in Berlin. Dieses Jahr verbringt sie ihren Heimaturlaub in Berneck mit einem Engagement. Sie singt an den Werdenberger Schloss-Festspielen die Ludmilla in «Die verkaufte Braut» von Bedrich Smetana. (Bild: Monika von der Linden)

Frau Indermaur, seit zehn Jahren leben Sie in Berlin. Nun singen Sie an den Schloss-Festspielen in Werdenberg. Wie kamen Sie zu dem Engagement?

Rahel Indermaur:Den Sommer verbringe ich in meinem Elternhaus in Berneck und verbinde meinen Heimaturlaub mit einem Engagement. Im vergangen Jahr hatte ich einen Auftritt am Bernecker Kulturfrühling Maiblüten. Dort hörte und sah mich Günther Simonott aus Bludenz. Er ist der musikalische Leiter der Schloss-Festspiele und holte mich ins Ensemble. Ich singe die Ludmilla in der Oper «Die verkaufte Braut» von Bedrich Smetana.

Fällt es Ihnen schwerer, eine Opernrolle zu singen als eine konzertante Aufführung?

Indermaur:Ich muss meine Stimme soweit technisch beherrschen, dass ich im Sitzen oder Liegen, ja in jeder Körperhaltung singen kann. Und das bereits bevor wir mit der Probe auf der Bühne beginnen. Wenn ich das Schauspielerische einübe, habe ich keine Zeit, mich auf die Gesangstechnik zu konzentrieren.

Ist das Rollenspiel für Sie die grössere Herausforderung als das Singen?

Indermaur: Ich liebe es, Geschichten zu erzählen. Das kann ich mit Opern und Liedgesängen. Eine Oper ist ein in Musik gesetztes Drama oder eine Komödie. In ihr geben sich Musik und Spiel die Hand. Leopold Huber hat als Regisseur ein feines psychologisches Gespür – sowohl für die grossen als auch für die Nebenrollen. Durch ihn werden die Figuren zu Menschen mit einem Schicksal. Sie sind keine Puppen. Es ist für mich durchaus eine Herausforderung, mit Ludmilla eine Mutter zu spielen, die zwanzig Jahre älter ist als ich.

Entspricht die Klangfarbe der Stimmlage einer Mezzosopranistin?

Indermaur: Ich wurde als Mezzosopranistin ausgebildet. In den letzten zwei Jahren hat sich meine Stimme, die immer voluminös war, weiterentwickelt. Jetzt bin ich alt genug und habe die gesangliche Erfahrung, um einen Fachwechsel zum Dramatischen Sopran zu vollziehen. Das eröffnet mir mehr Rollen.

Nennen Sie bitte Beispiele.

Indermaur: Es sind die «Tosca», die Senta im «Fliegenden Holländer» oder die Leonora in «Macht des Schicksals». Eine dunkle Stimmlage wird für dramatische, nachdenkliche, mahnende oder heroische Charaktere besetzt. Mädchenhaft, naive oder reine Figuren haben eine helle Stimmlage.

Entsprechen tiefgründige Rollen ihrem Naturell?

Indermaur: Ja. Komplexe Figuren interessieren mich sehr. Gott sei Dank eignet sich meine Stimme für sie.

Sie sangen an der Deutschen Oper Berlin, der Philharmonie Berlin oder der Kammeroper Hamburg. Wie fügt sich das Schloss Werdenberg in die Reihe ein?

Indermaur: Werdenberg gilt als kleinste Festspielstadt Europas. Viele Leute aus der Bevölkerung tragen mit viel Begeisterung zum Gelingen des Festivals bei. Während der Proben hielten immer wieder Passanten inne und schauten uns zu. Das Schloss ist ein Glücksfall. Weil wir im Freien spielen, hat die Akustik keine Hindernisse und die Mauern reflektieren den Klang. Das Schloss bietet einen intimen Rahmen, das Publikum kann die Mimik der Sänger genau beobachten. Und doch hat das Festival ein hohes, professionelles Level.

Worin sehen Sie den Unterschied zu den grossen und populären Bühnen der Welt?

Indermaur: Man hört die Musik vom Schloss bis ins Städtli. Es ist anders als in einem gut isolierten Opernhaus, in dem das gut situierte Opernpublikum verkehrt. Ich glaube, viel mehr Leute liebten die Oper, erlebten sie den ungezwungenen, familiären Charakter des Festivals auf dem Schloss.

Kennen Sie die Schloss-Festspiele auch als Besucherin?

Indermaur: Als Jugendliche sah ich mir «Tosca» an. Damals träumte ich aber noch nicht davon, Opernsängerin zu werden, obwohl ich schon als Kind von Musik besessen war. Es ist ein schönes Gefühl, auf der Bühne zu stehen, auf die ich früher geschaut habe.

Vorhin erwähnten Sie eine Wagner-Figur. Träumen Sie von einem Auftritt in Bayreuth?

Indermaur: Das ist noch ein weiter Weg, aber träumen kann ich ja. Die Popularität einer Bühne ist nicht Massstab eines hohen künstlerischen Niveaus. Das trifft gerade auf die Werdenberger Schloss-Festspiele zu.

Spielen Sie mit dem Gedanken, ins Rheintal zurückzukehren?

Indermaur: Ich ging damals nach Berlin, um dort Gesang zu studieren. Ich bin dankbar dafür, dass es mir einen weiteren Blick eröffnet hat. Heute unterrichte ich in Berlin auch an einer internationalen Schule. Vor zehn Jahren erlebte ich nahezu einen Kulturschock. Berlin bedeutet Grossstadttrubel pur und es ist eine Kulturmetropole. Die Stadt ist eine Heimat geworden, aber ich liebe das Rheintal und lasse die Rheintaler gerne an meinen musikalischen Erfahrungen teilhaben.