Ein Einsiedler auf Zeit

Aus christlicher Sicht

Philipp Hautle
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Sich eine Auszeit nehmen – wenn auch nur für eine kurze Zeit. (Bild: depositphotos/eskaylim)

Sich eine Auszeit nehmen – wenn auch nur für eine kurze Zeit. (Bild: depositphotos/eskaylim)

Wie lange halten Sie es allein aus? Ohne Nachbarn, ohne Telefon oder Smartphone, ohne Fernsehen, ohne Radio, ohne Zeitung. Ganz allein mit sich selbst.

Am 21. Januar feiern die Mönche im Kloster Einsiedeln ihren Einsiedler Meinrad. Der lebte von 835 bis zu seinem Tod 861 allein in einer Zelle, zuerst vier Jahre auf dem Etzel, dann in einer Zelle im Finstern Wald. Dort steht heute das Kloster Einsiedeln.

26 Jahre Einsiedler. Sie denken mit Recht: Das ist eine spezielle Sorte Mensch, eine seltene Berufung. Kein normaler Lebensstil. Aber leben solche Leute – wenn auch ausserordentlich – uns etwas vor, das uns in kleinerer Ration auch gut täte?

Die Hektik unserer Zeit, die Überflutung durch die Medien, die vielen Bedürfnisse und Erwartungen, Burn-outs schon in jungen Jahren, ununterbrochene Eindrücke. Und ganz im Inners­ten doch eine Sehnsucht nach Ruhe, Erholung, Nichtstun, Loslassen, Abschalten. Gottlob haben wir es selbst in der Hand, eine solche Auszeit zu nehmen.

Romantisch ist ein solches Alleinsein nicht. Wer es wagt, wird bald erfahren, dass mit dem äusserlichen Abschalten es in unserem Innern noch keineswegs ruhig ist. Im Gegenteil.

Wie eine Horde Affen überfallen uns Gedanken, Bilder, Erinnerungen, Gefühle, Sehnsüchte, Wünsche, Hoffnungen. Unerledigtes drängt sich vor. Schmerzhaftes bricht auf. Unsere Schattenseiten begegnen uns. Unruhe packt uns.

Ohnmacht gegenüber all den eigenen und fremden Zwängen. Es ist nicht leicht, mich selbst auszuhalten. So, wie ich wirklich bin. Mit meinen eigenen Begrenzungen und Schwächen. Und doch – wer das Alleinsein wagt, entdeckt mehr und mehr auch die leisen Wunder der Stille. Die bisher kaum wahrgenommenen Schönheiten der Umwelt und der eigenen Seele mit einer unverletzbaren Mitte.

In der Stille des Alleinseins kann uns das Leben spendende Wasser des Vertrauens geschenkt werden. Oder ein Blick in den sternenklaren Nachthimmel weitet unser Herz und vermittelt uns: Hineingenommen in die unendliche Bewegung unseres Kosmos, sind wir wunderbar gehalten. Und mitten in der Welt voller Probleme, Gewalt und Schicksalsschläge, Enttäuschungen und Versagen, finden wir die Kraft zum nächsten Schritt.

Einsiedlerin/Einsiedler auf Zeit.

Einen halben Tag. Einen ganzen Tag. Vielleicht sogar länger. Du bist es wert.

Philipp Hautle

Rebstein