Ein Denkmal vor dem Abbruch?

BERNECK. Der Bau eines neuen Werkhofes schliesst den Abbruch des bisherigen mit ein; nicht als Bürgerbeschluss, sondern als Fussnote, die es erlauben würde, nochmals darüber nachzudenken.

Walter Lendi/Kurt Eggmann
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Heute dient das ehemalige Tramdepot als Bauamtsgebäude. (Bild: pd)

Heute dient das ehemalige Tramdepot als Bauamtsgebäude. (Bild: pd)

Im Folgenden wird die spannende Pionierzeit des öffentlichen Verkehrs im Rheintal nachgezeichnet.

Planung und Beschluss eines neuen Bauamtsgebäudes (von der Bürgerschaft beschlossen am 26. März 2010) schoben einen zwar unscheinbaren, aber höchst interessanten Zeugen rheintalischer Verkehrsgeschichte in den Hintergrund – das ehemalige Tramdepot, das derzeit noch als Werkhof dient.

Sein Abbruch wurde nicht formell beschlossen, sondern im gemeinderätlichen Gutachten nur nebenbei erwähnt. Auch das kürzlich erstellte Ortsbildinventar geht nicht darauf ein. Das ehemalige Depot weist keine künstlerischen «Adelszeichen» auf, wurde im Verlauf der Jahre verändert und vielleicht deshalb übersehen. Aber technische und industrielle Denkmäler haben bekanntlich andere Qualitäten.

Weniger ihre Schönheit als ihr geschichtliches Zeugnis spricht zu uns, verbindet uns Spätere mit den handelnden Personen und Ereignissen von damals. Das alte Bernecker Tram- und spätere Trolleybus-Depot führt uns zurück zu Pionierzeiten im Rheintal, zu Unternehmerpersönlichkeiten mit Wagemut und Zukunftsglaube. Sie vermochten dabei – unabdingbar für grosse Vorhaben – auch das Volk zu begeistern.

Neues Tramdepot – aber wo?

In Berneck, am Rathausplatz, war 1897 ein einfacher Schuppen erstellt worden, Depot für einen zweiachsigen, rund acht Meter langen Tramwagen. Schliesslich wollte man in der Frühe unverzüglich losfahren können. Das Gebäude war bescheiden, kein zweites Tram, nicht einmal ein Schneepflug hatten darin Platz. Die späteren vierachsigen Tramwagen sprengten die Dimensionen. Die Türen der Remise konnten nicht einmal mehr geschlossen werden.

Was jetzt? Der Verwaltungsrat erwog, den Schuppen in Berneck und auch denjenigen in Diepoldsau aufzugeben und stattdessen einen einzigen, grösseren in Heerbrugg zu bauen. Er sah den Nachteil bald ein – nämlich unnütze Leerfahrten am Morgen und am Abend – und verzichtete.

Ausstellung gab Anstoss

Die Rheintalische Industrie- und Gewerbeausstellung von 1923 in Berneck gab den Anstoss zum Bau eines neuen, grösseren Tramschuppens.

Der Gemeinderat Berneck packte die Chance, kaufte die Liegenschaft der Witwe Elisabeth Frei-Jäckli im Oberdorf, brach sie ab und schenkte das Grundstück Nr. 701 samt den Steinen aus dem Abbruch den Rheintalischen Strassenbahnen (RhSt), für den Bau des neuen Depots mit Gleisanlagen und Güterschuppen. Vorbehalten war ein Rückfall an die Gemeinde im Fall einer Betriebseinstellung. Der Verwaltungsrat mit seinem Präsidenten Oberst Jacob Schmidheiny war sehr angetan. Am 30.

April 1923 trat er zu einer Sitzung in Altstätten zusammen, bestieg alsdann das Tram und verfügte sich nach Berneck, zu einem Augenschein mit Sitzungsfortsetzung. Mittagessen im «Hirschen».

Man wurde einig. Der Gemeinderat Berneck war generös. Zum geschenkten Boden versprach er auch noch Beiträge an die Verzinsung des Baukredits von 25 000 Franken, je 500 Franken für die kommenden fünf Jahre.

Pünktlich zur Eröffnung der Rheintalischen Industrie- und Gewerbeausstellung im Herbst 1923 stand die neue Tram-Endstation Berneck bereit. Erfolg hier, Enttäuschung dort. 1923 war für die Angestellten der RhSt kein schönes Jahr. Die «Sekundärbahnen», wozu auch die RhSt gehörten, verfügten eine Lohnreduktion von 5 Prozent; eine bittere Pille bei einem neunstündigen-Arbeitstag.

Schienen wurden entfernt

Das Tramdepot Berneck wurde 1940 zum Trolley-Depot. Der einfache Draht wich dem doppelten. Die Schienen wurden entfernt, die Strasse asphaltiert. 1977 löste der Autobus den Trolley ab. Damit hatte auch das Depot in Berneck ausgedient. Es wurde zum Bauamtsmagazin, auch umgestaltet, wie man im Vergleich zu älteren Aufnahmen sieht.

Noch ist Zeit

Aber es ist im Kern der Bau geblieben, der an die rheintalische Pionierleistung im öffentlichen Verkehr erinnert. Offenbar hat man dies bei der Überarbeitung des Ortsbildinventars nicht beachtet oder zu gering gewichtet. Noch ist Zeit, darauf zurückzukommen, denn ein förmlicher Abbruchbeschluss besteht nicht. Eine neue, wenn möglich seiner Geschichte angepasste Nutzung wäre nicht schwer zu finden.

Der Ce 1/2 3 im Jahr 1897 auf Probefahrt in Berneck. (Bild: Sammlung Rheintal Bus)

Der Ce 1/2 3 im Jahr 1897 auf Probefahrt in Berneck. (Bild: Sammlung Rheintal Bus)

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