Ein blauer Zettel ging vergessen

Am Donnerstag analysierte der Kanton mit farbigen Zetteln, wie der Verkehr durch das stark belastete Diepoldsau fliesst. Was die einen Autolenker gelassen nahmen, enervierte andere derart, dass sie die Scheibenwischer in Gang setzten.

Samuel Tanner
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Wegen der Verkehrszählung kam es zu Rückstaus auf den Diepoldsauer Strassen.

Wegen der Verkehrszählung kam es zu Rückstaus auf den Diepoldsauer Strassen.

Diepoldsau. Der ältere Herr im goldenen Opel Meriva verwirft die Hände. Der «Keep-Cool»-Aufkleber auf dem Heck des Feldkirchers mutet gerade ziemlich komisch an. Es ist Donnerstagabend, 16.52 Uhr; Feierabendverkehr auf der Diepoldsauerstrasse. Bis zum ovalen Kreisel vor der Autobahn staut der Verkehr zurück – in Diepoldsau läuft eine Verkehrszählung.

Ich steuere meinen Wagen einige Minuten später über die Rheinbrücke. Dort stehen drei Mitarbeiter des Kantons und ein Verkehrspolizist. Im Akkord halten sie Autos an und kleben ihnen blaue Zettel unter die Scheibenwischer. Ich lasse das Fenster runter. «Vächerszellig», erklärt der Mann mit Hornbrille in breitem St. Galler Dialekt. Dann hebt er die Scheibenwischer an und fixiert den Zettel.

«Was soll denn das?»

Die Aktion löst bei anderen Autolenkern ein Schmunzeln aus. Auf ihrer Stirn steht dann die Frage: «Was soll das denn?»

Erst vor wenigen Tagen hatten der Diepoldsauer Gemeindepräsident Roland Wälter und der stellvertretende Ingenieur im kantonalen Tiefbauamt, Marcel John, diese Aktion angekündigt. «Bei den vier Einfahrten nach Diepoldsau heften wir jeweils verschiedenfarbige Zettel an die Autos. Bei der Ausfahrt entfernen wir sie wieder», erklärte Marcel John damals. «So eruieren wir, wie der Verkehr durch Diepoldsau fliesst.»

Zwanzig Mitarbeiter des Kantons standen im Einsatz. Dazu vier Kantonspolizisten. «Ist die Polizei dabei, reagieren die Autofahrer oft mit grösserem Respekt und mehr Verständnis», begründet der Leiter der Aktion, Werner Lendenmann. Er ist der Leiter der kantonalen Verkehrstechnik.

Der Kantonspolizist auf der Rheinbrücke will «auf keinen Fall» mit Namen in der Zeitung erscheinen. Vielmehr regt er sich gerade über einen Lastwagenfahrer aus dem Kanton Fribourg auf. Nachdem diesem ein blauer Zettel an die Frontscheibe geheftet wurde, schaltete er die Scheibenwischer solange ein, bis der Zettel auf die Strasse fiel. «Unglaublich, so was», enervierte sich der Polizist. Dieser Fall bildet die Ausnahme – das Gros der Autolenker nimmt die Verkehrszählung gelassen. Roland Forster, der munter blaue Zettel verteilt, bestätigt diesen Eindruck. Forster selbst hat viel zu tun: «Im Feierabendverkehr ist der Teufel los», sagt er und widmet sich wieder seiner Arbeit. Zeit zum Reden hat hier niemand.

Sonst für Unterhalt zuständig

Beim Schmitter Zoll, einer weiteren Zählstelle, sieht es anders aus. Dort steht mit grünen Zetteln Marin Schnider, Leiter des Strassenkreises Ruderbach. An anderen Tagen ist er für den Unterhalt der Strassen rund um St. Margrethen zuständig. Hecken schneiden, Winterdienst, was halt so anfalle. «Ich zähle nicht zum ersten Mal Autos. Ob die Arbeit spannend ist? Man macht's einfach.» Schnider erzählt gerne. Von seinen durchaus positiven Erlebnissen mit den Autolenkern im Schmitter Gebiet, von den Velofahrern, die keinen Zettel erhalten und von Baustellen, die er gerade pendent hat.

Den Lastwagen ausgenommen

Beim Schmitter Zoll ist es idyllisch. Kein Vergleich zur Rheinbrücke, wo täglich fast 20 000 Autos vorbeifahren. «Die Bezettelungsaktion hat funktioniert», sagt am Tag nach der Aktion Werner Lendemann. «Klar, es gibt Rückstaus und die Leute müssen warten. Dennoch hat die Bevölkerung gut mitgemacht.» Den freiburgischen Lastwagenfahrer einmal ausgenommen.

Um 17.43 Uhr will ich die Rheininsel verlassen. Noch immer klebt der blaue Zettel unter den Scheibenwischern. Ich warte gespannt darauf, welcher der beiden Helfer meinen Zettel einsteckt. Beim ersten fahre ich vorbei. Und auch der zweite lässt mich durch. Warum wohl mein Zettel vergessen ging? Das Rätsel wird ungelöst bleiben.

Verkehrszähler Roland Forster bei der Arbeit auf der Rheinbrücke. (Bilder: Samuel Tanner)

Verkehrszähler Roland Forster bei der Arbeit auf der Rheinbrücke. (Bilder: Samuel Tanner)

Achtung-Tafeln als Warnung.

Achtung-Tafeln als Warnung.

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