Eibe, der Zauberbaum

In den letzten Wochen habe ich viel zu tun gehabt mit Eiben. Wir haben in verschiedenen Gärten Hunderte gepflanzt, kleine und ziemlich grosse. Für mich ist die Eibe der geheimnisvollste Baum unserer Wälder. Allerdings, es gibt auch Leute, die wissen nicht, was eine Eibe ist.

Urs Stieger
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In den letzten Wochen habe ich viel zu tun gehabt mit Eiben. Wir haben in verschiedenen Gärten Hunderte gepflanzt, kleine und ziemlich grosse. Für mich ist die Eibe der geheimnisvollste Baum unserer Wälder. Allerdings, es gibt auch Leute, die wissen nicht, was eine Eibe ist. Bei uns wächst die Europäische Eibe (Taxus baccata).

Kein Baum erträgt so viel Schatten, wächst so langsam und kann sich selbst erneuern. Tausend Jahre und mehr wird sie alt! Wenn er innen zerfällt und hohl ist, können von der Aussenschicht wieder Wurzeln ins Innere wachsen und den Baum neu formen. Äste, die den Boden berühren, treiben Wurzeln und bilden einen neuen, genetisch gleichen Baum. Eibenholz ist schwer, hart und polierbar. Das heisst, der «Lack» ist schon im Holz. Wenn man es reibt, bis es warm wird, z. B. beim Drechseln, wird es glänzend und wie lackiert. Eibenholz/Ebenholz? Noch bevor Ebenholz zu uns kam, war schwarz gefärbtes Eibenholz das Vorbild für Ebenholz. Auch das lässt sich polieren. Zauberstäbe, von den keltischen Druiden bis zu Harry Potter, sind aus Eibenholz. Die ägyptischen Sarkophage für «bessere Leute», der Speer der Neandertaler war aus Eibenholz und unser aller Vorvater, Ötzi, trug einen Bogenschaft bei sich aus dem Zauberstoff. Das Staunen über die Eibe nimmt kein Ende, die Beschreibung könnte locker Seiten füllen.

Im Rheintal hat es relativ viele Eiben, im Vorarlbergischen gibt es wahre Eiben-Methusalems. Der Baum an der Friedhofsmauer von St. Cornelie bei Tosters, Feldkirch, hat fünf Meter Umfang. Was für ein Gefühl, neben einem Lebewesen zu sein, das gut und gerne 700 bis 800, vielleicht 1000 Jahre alt ist! In gewissen Gegenden gibt es richtig alte Eibenwälder, aber leider kaum Nachwuchs, obwohl die Samen gut keimen. Die beste Zeit für Eiben war nach der Französischen Revolution. Da konnten nicht nur die Herren jagen, die Wälder waren in kurzer Zeit leer geschossen, kein Hase, kein Reh frass die jungen Eibengewächse, Leckerbissen für diese Tiere.

Eiben sind aber doch giftig? Und wie! Für Menschen sind ein paar Nadeln gefährlich, ab 40 wird's tödlich. Dabei haben Männchen bis doppelt soviel Gift in den Zellen wie Weibchen. Diese machen dafür giftige Samen mit roten, süssen, essbaren Samenhüllen. Die Vögel wissen das und fressen solche in Massen, scheiden die giftigen Kernen wieder aus und verbreiten damit den Baum. Seit dem Mittelalter wird erzählt, dass, wer unter einer Eibe liegt, bald sterben wird. Die Gase aus der Eibe bei Sommersonne könnten giftig sein. Oder Elfen würden einen Jüngling entführen, wenn er im Sommer bei Eiben ruht. Ich habe Hunderte Eiben in den letzten Wochen in der Hand gehabt und bin, leider, nicht von diesen Wesen entführt worden.

Schon klar: Bin kein Jüngling mehr, und wenn ich zum Fenster hinaus schaue, den Schnee auf der Kugel sehe … Es ist nicht Sommer!

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