«Du mein Leben zu Ende gewoben»

Aus christlicher Sicht

Andrea Hofacker
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Es gibt Stoffe, die sind leicht gewoben und welche, die sind fest. (Bild: depositphotos/Devon)

Es gibt Stoffe, die sind leicht gewoben und welche, die sind fest. (Bild: depositphotos/Devon)

Der todkranke König Hiskia betet so zu Gott: «Wie ein Weber hast du mein Leben zu Ende gewoben. Du schneidest mich ab wie ein fertig gewobenes Tuch.» (Jes 38, 12)

Ich finde das ist ein schönes, trauriges und tröstliches Bild zugleich. Gott als der Weber unseres Lebens, an einem alten Webstuhl, mit Schiffchen und Kett­-fäden, mit Fach und Gewichten. Und der Mensch ein Stück Stoff, das gewebt wird, vom Anfang des Lebens bis zu seinem Ende.

Manche Menschen sind vielleicht eher fest gewoben, mit grossen Steinen, Belastungen an den Rändern des Lebens, die die Kettfäden besonders straff spannen und einen dichten, festen, aber auch unflexiblen Stoff produzieren. Menschen, die von vielen Schicksalsschlägen hart geworden sind, vielleicht aber auch besonders widerstandsfähig.

Dann gibt es Stoffe, die leicht und locker gewoben werden, die gut fallen und auch gut warm halten, weil sie besonders viel Luft speichern können. Darunter stelle ich mir Menschen vor, die Wärme und Geborgenheit ausstrahlen, die gut darin sind, anderen eine Heimat zu bieten, ein Zuhause zu schaffen. Dann gibt es Webstühle, die mit feinster Seide bespannt werden. Sie stehen für Menschen, die mit einer gewissen Leichtigkeit durchs Leben gehen, die sich eine Unbekümmertheit bewahrt haben und Freude, Lachen, kindliches Vertrauen in die Welt bringen. Es gibt grössere und kleinere, längere und kürzere Stücke an Tuch, die gewoben werden, so wie es Menschen gibt, denen ein langes Leben beschieden ist, aber auch solche, die in jungen Jahren sterben und deren Zeit auf Erden nur kurz ist. Ob es für uns einen Sinn ergibt? Ob es ein Muster gibt, das den einen Menschen früher vollständig sein lässt, als den anderen? Ich stelle mir vor, dass Gott ein Muster im Kopf hat, aber wir selbst weben an diesem Muster mit, mit vielen Fäden, die wir auch selber einziehen, mit Menschen, denen wir begegnen, mit Erfahrungen, die wir machen, mit Beziehungen die wir eingehen oder lösen.

Wir weben mit Zeiten der Freude und des Glücks mit den knalligen Farben, mit Orange oder Gelb. Aber wir weben auch mit Zeiten des Leids, der Not, von Krankheit und Schmerz mit Schwarz oder Grau. Wir alle weben, obwohl wir nicht wissen, zu welchem Tuch am Ende dieses Leben und Weben führen wird. Gott allein ist der Weber, der sich über das Tuch beugt, der es betrachtet, mit Liebe, er alleine erkennt das Muster unseres Lebens. Sein Blick auf unser Leben, gemeinsam mit uns macht das Leben eines jeden Menschen gleich wertvoll und gleich vollständig.

Ein einzigartiges Kunstwerk entsteht, und auch wenn es abgeschnitten wird, bleibt es als ein individuelles, einzigartiges Leben stehen. Jedes Leben hat seine eigene innere Logik, seine eigene erstaunliche Schönheit und Kraft. Ich wünsche mir und allen Menschen genug Vertrauen zu Gott, dass wir am Ende unser Lebenstuch als fertiggewebt empfinden können, und bereit dafür sind, dass Gott nach dem letzten Faden das grosse Webermesser holt, und das Kunstwerk unseres Lebens von seinem Webrahmen losschneidet.

Andrea Hofacker

Pfarrerin in Marbach