Dornröschen brauchte viele Küsse

RHEINECK. Der sonnige Samstag war nur ein Grund, weshalb in Rheineck eine aufgeräumte und fröhliche Stimmung herrschte. Als Niklaus Mattle seine Trommel zum Wirbeln brachte, wurden Passanten aufmerksam: Im Städtli gab es etwas Besonderes zu feiern – das Krone-Areal ist wiederbelebt.

Monika von der Linden
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Carlo Schmid spricht als Präsident der Stiftung Pro Patria zur Festgemeinde im Innenhof des Gebäude-Ensembles. 1999 habe die Stiftung mit einem Beitrag von 20 000 Franken die ersten Räumungs- und Sicherungsarbeiten ermöglicht und habe sich mit weiteren Aktivitäten konstruktiv am Prozess beteiligen können. (Bild: Monika von der Linden)

Carlo Schmid spricht als Präsident der Stiftung Pro Patria zur Festgemeinde im Innenhof des Gebäude-Ensembles. 1999 habe die Stiftung mit einem Beitrag von 20 000 Franken die ersten Räumungs- und Sicherungsarbeiten ermöglicht und habe sich mit weiteren Aktivitäten konstruktiv am Prozess beteiligen können. (Bild: Monika von der Linden)

«Unmögliches wird möglich, wenn es an Mut nicht fehlt.» Diese Worte von Stadtpräsident Hans Pfäffli fassen die ganze Geschichte des Kronen-Areals in einem Satz zusammen. Mehr als 30 Jahre habe das Gebäude-Ensemble das Bild der Altstadt beeinträchtigt. Heute störe die «Krone» nicht mehr, heute werte ein Juwel Rheineck auf, sagte Pfäffli zur Festgemeinde an der Einweihung am Samstag.

Diese Melodie erklang in den Ansprachen aller Redner. «Sie haben Rheineck eine Krone aufgesetzt», spielte Regierungsrat Martin Klöti treffend mit Worten. Das Krone-Ensemble – «Alte Krone» mit angebautem Luzenhaus und «Laterne» – sei ein Monument, das Geschichte greifbar mache. Es sei überzeugend, wie die Liegenschaft hergerichtet und ein wichtiges Kulturgut erhalten worden sei, sagte der Vorsteher des Innendepartements.

Schlechte wie gute Momente

Er kenne alle Details des Projekts und war an vielen Diskussionen beteiligt, sagte Titus Ladner (architekten:rlc ag). «Es gab relativ viele negative Momente. Das frühere Wirtshaus hat aber auch schöne Momente erlebt, an die wir anknüpfen wollten», sagte der Architekt. Nun sei aber der Dornröschenschlaf zu Ende. Es habe aber mehr als einen Kuss gebraucht, um die Krone zu wecken.

Einen Schlüssel wählte Titus Ladner nicht als Symbol, um die Krone ihrer Bestimmung zu übergeben, da die Bibliothek/Ludothek schon länger offen sei. Das treffende Symbol sei das ursprüngliche Wirtshausschild, das wieder aufgetrieben werden konnte.

Wieder zurück in Rheineck

Dieses Wirtshausschild, das bereits vor 100 Jahren über dem Eingang der Laterne hing, war aber nicht verschollen. Magi Bélat verbindet persönliche Erinnerungen mit ihm. Vor 47 Jahren, in der Silvesternacht, küssten sie und ihr Mann Ernst sich zum ersten Mal unter dieser alten Laterne. Vor rund 25 Jahren wurde es von der Ruine abmontiert und Magi Bélat erstand es. Seither schmückt es ihr Heim in Speicherschwendi. Die Freude über die Wiedereröffnung wiegt bei ihr schwerer als das Liebhaberstück. So entschloss sie sich am Freitagabend, es der Stadt zum Kauf anzubieten, erzählte sie am Rande der Feier. Innert kürzester Zeit gelang es Hans Pfäffli, in Titus Ladner einen Sponsor zu finden. In der nächsten Woche wird Bélat das symbolträchtige Stück übergeben. «So wie das Judenzimmer wieder zurück in Rheineck ist, so kommt auch die alte Laterne zurück nach Rheineck», sagte Bélat.

Instandsetzung gerechtfertigt

Aus der Perspektive des Kantonalen Denkmalschutzes beleuchtete Pierre Hatz das Ergebnis, das nach dem steinigen Weg nun gefeiert wird. Es sei gelungen, die innere und äussere Bausubstanz eines Gebäudes zu retten und zu erhalten, die in die Zeit vor der Schlacht zu Sempach – nämlich bis 1370 – zurückreicht, sagte Hatz. Es habe viel Arbeit vom Heimatschutz gebraucht, immer wieder aufzuzeigen, die Krone sei kein Abrissobjekt, sondern eine Instandsetzung gerechtfertigt.

Diese Meinung teilt Alois Hofmann nicht. Er wohnt seit 35 Jahren in Rheineck. Als er noch in Amriswil lebte, kam er häufig in die als Disco bekannte «Laterne». Die Ruine hätte er gerne abgerissen und wieder genauso aufgebaut gesehen. Wenn er auch nach wie vor überzeugt ist, dass diese Variante günstiger geworden wäre, so lobte er doch das Ergebnis: «Ist super geworden», sagte der 75-Jährige. Diese Worte waren beim öffentlichen Rundgang häufig zu hören. Die Besucherinnen und Besucher zeigten sich beeindruckt, wie heimelig und einzigartig die Wohnungen gestaltet sind. «Einen besseren Raum für eine Bibliothek gibt es nicht.» Dieser häufig gesprochene Satz ist wie eine Liebeserklärung.