Diese Party endet nie

Über einen Busfahrer, der den Sinn der Scheibenwischer erklärt. Über den TV Rüthi am End der Welt. Über gestandene Männer, die unter der Dusche kreischen. Szenen eines Turnfests.

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Mobile Party-Anlage: Die Turner des STV Balgach.

Mobile Party-Anlage: Die Turner des STV Balgach.

Freitag, 8.29 Uhr, Bahnhof Winterthur.

Auf Gleis 3 stehen die Turner, man erkennt sie an ihren Trainern, grün, rot, blau – bunt wie Kinderzeichnungen. Sie stehen in diesen Tagen des Eidgenössischen Turnfests an jedem Schweizer Bahnhof. Ob Zürich oder Ramsen. Es ist das erste Bild zu diesem Anlass. Dann steigen die Mannen und Frauen in den Zug, einer sagt, in Biel, da sei er nun wirklich noch nie gewesen. Ein Tourist im eigenen Land. In den Zweitklasswagen klopfen sie später Spruch um Spruch – so dass der Senior in seinem Diogenes-Roman nicht ein Mal blättert; und dauernd rüberspienzelt.

Freitag, 12.30 Uhr, LMM Magglingen.

Fussmarsch, Seilbahn und Bus bringen die Teilnehmenden der Leichtathletik-Mannschaftsmeisterschaften ans End der Welt. So nennt sich der Sportplatz, auf dem an diesem Tag die Wettkämpfe stattfinden. Egal, wer sich diesen Namen einst ausgedacht hatte, es geschah aus gutem Grund. Am Start zum 100m-Sprint steht Livia Schneider, Trainerin der Mixed-Mannschaft des TV Rüthi – die jüngsten Athleten mit Jahrgang 1997. Hinter Livia Schneider, auf der Tartanbahn, wärmen sich ihre Schützlinge auf. Sie sagt: «Unser Ziel: Dass im Weitsprung jedem ein gültiger Sprung gelingt.» Sie lacht, meint den Satz aber ziemlich ernst. Die Rüthner treten zum Beispiel erstmals in einem Wettkampf zum Hochsprung an.

Freitag, 14.04 Uhr, Sportanlage Gurzelen.

Der Oberturner der Männerriege Thal will gerade die Einteilung für den nächsten Fit&Fun-Wettkampf vorlesen, da fliegt die Patrouille Suisse über den Sportplatz Gurzelen. Hochgefühl bei den Mannen, Digitalkamera in die Luft, scho no wahnsinnig!

Einer der Thaler sagt: «Wenn die so flögen, wie wir turnen, würde die Formation schon lange nicht mehr stimmen.» Gelächter.

Turnerhumor: Stolz auf Schweizer Werte und im besten Fall eine Prise Selbstironie.

Freitag, 16.11 Uhr, Strandboden.

Im Applaus für die Geräteübung des STV Balgach fällt ein Geräusch auf: das einer Kuhglocke. Im Publikum sitzt Stefan Langenegger, Präsident des Rheintaler Kreisturnverbands (siehe Interview auf der gegenüberliegenden Seite). «Ich verfolge die Auftritte aller Favoriten», sagt Langenegger und grinst. Nicht nur das: Der Kreispräsident hat sich für dieses Fest zum Ziel gesetzt, alle Rheintaler Vereine mindestens einmal zu besuchen. Dazu hat er sich einen Plan gemacht mit sämtlichen Startzeiten, grün und rot angestrichen, «sonst karrst du vergeben rum». Dann will er raus aus der Gerätehalle, die am Ufer des Bielersees liegt, es ist ihm zu heiss da drin. – Langeneggers nächster Halt: ein Wettkampf von Grabser Turnern.

Freitag, 18.43 Uhr, Sportanlage Ipsach.

Aktiv auf der Wurfanlage sind um diese Zeit die Zeltstadt-Weltmeister. So nennt Leichtathletik-Trainer Martin Steger die Aktiven des STV Oberriet-Eichenwies. «Sie kochen später unseren Leichtathletik-Mädchen Znacht. In einem Verein braucht es auch sie.» – Zumal Oberriet von den anderen, den ambitionierteren Athleten genug hat. – «Das stimmt», sagt Steger. Doch der Mann, der das Wurfgerät in dem Moment in die Weite treibt, sieht aus, als wolle er Steger das Gegenteil beweisen: Die Ambitionen sind auch bei dieser Gruppe da.

Natürlich sind sie aber nicht zu vergleichen mit den Leichtathletinnen, die den Wettkampf ebenfalls verfolgen. Einen Tag später sollten sie den Sieg in der fünften Stärkeklasse einfahren.

Samstag, 10.10 Uhr, Bäckerei Züttel, Ipsach.

Turner des STV Marbach machen sich auf die Suche nach dem Frühstück; am liebsten mit Speck und Rührei, sagt der Feinschmecker unter ihnen. Am Ende stossen sie die Türe zur Bäckerei Züttel auf, weil draussen vor dem Laden Festbänke stehen. Sie kaufen Nutella, frischen Käse, Zopf – und teilen sich direkt an der Hauptstrasse, auf Festbänken, die Zutaten für einen stärkenden Zmorgen.

Die zwei Verkäuferinnen treiben Plastikbecher auf und stellen Steckdosen zur Verfügung, um Handys aufzuladen.

Samstag, 15.48 Uhr, im Bus ab Gurzelen.

Nicht zum letzten Mal stellt sich das Gefühl ein, als ob 150 000 Leute ein Jahr lang ihre gute Laune für dieses Ereignis gespart hätten. Sogar Busfahrer sind gut gelaunt – der weisshaarige Chauffeur im Bus zum Bieler Festgelände erzählt: «Jaja, rechts seht ihr das Kongresshaus, wo sich jeweils die wichtigen Männer treffen. Übrigens: Wisst ihr, weshalb Frauen länger leben als Männer? Weil wir so gut zu ihnen schauen.»

Dann singt er: «Wenn i doch nume fahre chönnt.»

Und schliesslich biegt er in die stark bevölkerte Esplanade am See ein, wo er das nächste Mal tief in die Witzkiste greift: «Wir müssen schauen, dass niemand drunter kommt. Dass es kein Geschnetzeltes gibt. Wobei: Dafür hätten wir ja die Scheibenwischer.» Der Spruch könnte von Peach Weber sein.

Samstag, 22.11 Uhr, Campingplatz Ipsach.

Die Wettkämpfe sind vorüber, die Kampfrichter mit ihren Eieruhren und den grünen Shirts haben die Anlagen abgebrochen. Die Turner ziehen mit Tüechli und Necessaire zu den Duschkabinen an das Ende des Zeltplatzes. Ein Container, zwei Eingänge, ein Kuhgatter zwischen Männer- und Frauenabteil. Der Sichtschutz fehlt. Doch das scheint hier niemanden zu interessieren. Stattdessen kreischen gestandene Männer mit Bauchansatz und Haaren auf der Brust, Schreiner und Strassenbauer. Das Wasser kommt aus Schläuchen und misst etwa zehn Grad Celsius.

Sonntag, 4.50 Uhr, Festgelände Biel.

«I sing a Liad für di», singt zuerst die Frauenriege und dann Andreas Gabalier. Turnerinnen und Turner stehen auf den Bänken, sie imitieren Bewegungen aus dem Musikfernsehen. Ein Bild wie im Klischee, nur stimmt es eben. An ein Heimgehen denkt in diesem Festzelt niemand, diese Party endet nie. Samuel Tanner, Biel

Michèle Naef, STV Rheineck.

Michèle Naef, STV Rheineck.

Kriessern startete im Weitsprung.

Kriessern startete im Weitsprung.

Sieger in der 2. Stärkeklasse: Das Fit&Fun-Team aus Oberriet.

Sieger in der 2. Stärkeklasse: Das Fit&Fun-Team aus Oberriet.

Männerriegler aus Thal beobachten die Vorführung der Patrouille Suisse. (Bilder: Samuel Tanner, Seraina Hess)

Männerriegler aus Thal beobachten die Vorführung der Patrouille Suisse. (Bilder: Samuel Tanner, Seraina Hess)

Die Mixed-Gruppe des TV Rüthi: «Unser Ziel ist es, dass im Weitsprung jeder einen gültigen Versuch schafft», sagt die Trainerin und lacht.

Die Mixed-Gruppe des TV Rüthi: «Unser Ziel ist es, dass im Weitsprung jeder einen gültigen Versuch schafft», sagt die Trainerin und lacht.