Diepoldsauer ist Herr der Bäche

DIEPOLDSAU/RORSCHACHERBERG. 30 Jahre lang hat sich der kantonale Fischereiaufseher Fredi Fehr auch um die Gewässer und Fische im Rheintal gekümmert. Nun ist er pensioniert. Am 1. April hat Marcel Zottele aus Diepoldsau seine Aufgaben übernommen.

Kurt Latzer
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Marcel Zottele (l.) ist nun für die St. Galler Fliessgewässer zuständig, die in den Bodensee fliessen – Fredi Fehr war es 30 Jahre lang. (Bild: Kurt Latzer)

Marcel Zottele (l.) ist nun für die St. Galler Fliessgewässer zuständig, die in den Bodensee fliessen – Fredi Fehr war es 30 Jahre lang. (Bild: Kurt Latzer)

DIEPOLDSAU/RORSCHACHERBERG. Am 1. April waren Fredi Fehr und sein Nachfolger Marcel Zottele an der Rietach in Altstätten damit beschäftigt, Wasserstände und -temperaturen auszuwerten. Die beiden kennen sich schon seit Jahren. Sie sind sich immer wieder begegnet; der eine als Fischereiaufseher, der andere als Vorstandsmitglied und Jungfischerwart des Fischereivereins Mittelrheintal. Beide sind leidenschaftliche Angler, naturverbunden und haben eine besondere Beziehung zur Hege und Pflege von Fischen sowie den Gewässern. Fredi Fehr ist es ein Anliegen, seinen Nachfolger in der ersten Zeit zu begleiten, «freiwillig, denn bezahlt werde ich dafür nicht mehr», lächelt Fehr. So hat er Marcel Zottele auch am 1. April begleitet, anstatt den ersten Tag als Pensionierter zu geniessen.

Den Neuen weiter begleiten

Bei ihm zu Hause, in Rorschacherberg, löst Fredi Fehr sein Büro auf und übergibt die Unterlagen – einen ganzen Hängeregister-Schrank voller Akten – an Marcel Zottele. Dabei beginnt er, von seiner jahrelangen Tätigkeit als Fischereiaufseher zu erzählen; wie er als junger Appenzeller Fliegenfischer der Polizei beim Ausfischen und Einsetzen der Fische half und später durch Zufall kantonaler Fischereiaufseher im Sanktgallischen wurde. Je länger er über seine Arbeit redet, umso deutlicher wird, welch immenses Aufgabenheft hinter der Tätigkeit eines Fischereiaufsehers steckt. «Lernen kann man den Beruf nicht, es zählt in erster Linie Erfahrung», sagt Fredi Fehr, der einige Jahre nach seinem Stellenantritt im deutschen Starnberg die Ausbildung zum Fischwirt abschloss.

Sachkenntnis und Idealismus

Als Fischereiaufseher braucht man nicht nur viel Sachkenntnis, sagt der frisch Pensionierte, sondern auch eine grosse Portion Idealismus. Es ist ein Job, der sich nicht an fixen Arbeits- und Tageszeiten orientiert. Fredi Fehr war in den letzten Jahren für alle Gewässer im Kanton St. Gallen zuständig, die in den Bodensee fliessen. 1984, als er das Amt übernommen hatte, sei sein Gebiet um einiges grösser gewesen. Erst als die Überstunden massiv zunahmen, sei eine weitere Stelle geschaffen worden. Aufgrund der Erzählungen Fehrs drängt sich die Frage auf, ob Marcel Zottele weiss, auf was er sich eingelassen hat, als er seine Bewerbung für den Posten des Fischereiaufsehers abgeschickt hat. «Ja. Fredi und ich kennen uns nicht nur schon lange, wir haben auch schon einige Male zusammengearbeitet.» Und ein Schnellschuss sei die Bewerbung nicht gewesen; schon ein paar Jahre vor der Pensionierung seines Vorgängers habe er mit dem Gedanken gespielt, sich für den Job zu bewerben. Zottele weiss, dass die Arbeit mehr verlangt als Sachkenntnis: «Wer in diese Arbeit nicht viel Engagement und Leidenschaft investieren will, ist fehl am Platz.»

Vom Fischer zum Aufseher

Marc Zottele ist 43 Jahre alt, verheiratet und in Diepoldsau aufgewachsen. Mit 14 Jahren hat er als Jungfischer zu angeln begonnen. «Weil man damals vorher offiziell nicht fischen durfte», wirft Fredi Fehr ein. Seit 1989 ist er Mitglied des Fischereivereins Mittelrheintal. Er engagierte sich dort als als Festwirt, Reiseleiter und war in verschiedenen Kommissionen vertreten. Am wichtigsten aber war ihm die Jugendarbeit. «Nach meiner Tätigkeit als Jungfischerwart war ich drei Jahre lang Vize-Präsident, dann zog es mich zur Jugendarbeit zurück», sagt der Diepoldsauer. Seit dem 1. April ist er nun kantonaler Fischereiaufseher. Hat er keine Mühe, den Aufseher zu spielen? «Damit habe ich absolut kein Problem», meint Zottele. «Diese Tätigkeit macht nur etwa zehn Prozent des Jobs aus», ergänzt Fredi Fehr. Meistens sind die Fischereiaufseher an und auf den verschiedenen Gewässern unterwegs oder arbeiten in der Fischzuchtanlage. Kommt es irgendwo innerhalb ihre Einzugsgebietes zu einem Fischsterben oder anderen Vorkommnissen, werden sie gerufen. Die Alarmierungskette ist festgelegt und funktioniert schnell.

Immer wieder gerät Fredi Fehr ins Schwärmen, wenn er an die Highlights der letzten Jahre denkt; etwa, wie er über Jahrzehnte hinweg geholfen hat, die Seeforellen-Bestände beinah aus dem Nichts wieder aufzupäppeln. Ernst wird sein Gesicht und die Miene von Marcel Zottele bei der Frage nach dem schlimmsten Ereignis. Fehr erinnert sich an den Fall mit der Buchser Chemiefirma. Nach einem Zwischenfall flossen Chemikalien ins Wasser und löschten alles Leben im Binnenkanal aus, von Buchs bis fast zum See. «Es war furchtbar anzusehen, all die toten Fische, die elendig zugrunde gegangen sind», erinnert sich Fehr. Um die Fischpacht im Binnenkanal aufrechterhalten zu können, wurden nach dem Zwischenfall über drei Jahre hinweg Forellen in Fanggrösse eingesetzt. Das letzte grosse Fischsterben habe das Unwetter von 2009 verursacht. Von unterhalb des SAK-Werks Montlingen bis ins Unterrheintal wurde ein grosser Teil des Fischbestandes vernichtet; von den Äschen überlebte nicht eine.

Wie steht es beim neuen Fischereiaufseher mit Zielen? «Zunächst habe ich genug damit zu tun, dort anzuknüpfen, wo Fredi aufgehört hat, und auf sein Level zu kommen. Konkrete Ziele gibt es noch nicht», sagt Zottele.

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