Die Worte sprudelten aus ihm heraus

HEERBRUGG. Auf Einladung der RGML und der Volkshochschule las der junge Erfolgsautor Saša Stanišic aus seinen Erzählungen. Schwerpunkt war sein preisgekrönter Roman «Vor dem Fest». Die anschliessende Fragerunde wurde von den Zuhörern rege genutzt.

Maya Seiler
Merken
Drucken
Teilen
Saša Stanišic las an der Kantonsschule. (Bild: Maya Seiler)

Saša Stanišic las an der Kantonsschule. (Bild: Maya Seiler)

Stanišic trägt so viel Sprache in seinem Kopf, dass er beim Sprechen ein rasantes Tempo vorlegen muss, um alles zu sagen. Druckreif formuliert sprudeln die deutschen Wörter und Sätze aus ihm heraus. Dabei hat er bis zu seinem vierzehnten Altersjahr nur Serbokroatisch gesprochen. 1978 in Višegrad, im östlichen Bosnien geboren, floh er mit seiner Mutter 1992, nach der Besetzung seines Heimatorts, nach Heidelberg.

Die Lesung vom Donnerstagabend begann er mit einem frühen Text, publiziert im Merianheft «Heidelberg», einer eigentlichen Liebeserklärung an die Stadt, in der er als Flüchtling Obdach fand. Stanišic ist geblieben, obwohl die Familie immer dachte, «wir gehen zurück». Der hochtalentierte Junge lernte sehr schnell Deutsch, konnte 1997 Abitur machen und studierte anschliessend an der Universität Heidelberg. Er hat bereits mit zehn, elf Jahren Texte geschrieben und wollte immer Schriftsteller werden. Sein Talent wurde von seinem Deutschlehrer erkannt und gefördert.

Er liebt die Menschen

Stanišics Liebe gilt literarisch und im Gespräch ganz eindeutig den Menschen. Dies zeigen seine Charaktere im jüngsten Buch «Vor dem Fest». Sie alle sind Sonderlinge, er beschreibt deren oft schrullige Handlungen mit grosser Sympathie und ohne zu werten. Der Roman spielt im uckermärkischen Fürstenfelde, in der Nacht vor dem Annenfest. «Unser Annenfest. Was wir feiern, weiss niemand so recht. Nichts jährt sich, nichts endet oder hat an genau diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde. Und was wir uns davon erzählen.»

Skurrile Figuren

Im Gespräch erklärte Stanišic, dass er zwei Jahre über Fürstenfelde und die Uckermark, eine ehemaliges DDR-Bundesland, recherchiert hat. Daraus ist eine dicht gewobene Geschichte geworden, in der skurrile Figuren eine Rolle spielen: Ein ehemaliger Oberstleutnant der NVA, Anna, ein junges, asthmakrankes Mädchen und Frau Kranz, eine uralte Malerin. Frau Kranz, die seit Jahrzehnten nur Motive aus Fürstenfelde abbildet, will für die Fest-Auktion ein Nachtbild von Fürstenfelde malen: «Wir sind besorgt. Mit festen Schritten steigt Frau Kranz zum See hinab. Das Abendkleid, das sie heute Nacht unter ihrem Cape trägt, will uns nicht gefallen. Es passt zur Nacht nicht und es passt zur Arbeit nicht – Frau Kranz passt es vorzüglich.» Die Reaktionen der Zuhörer auf die Malerin quittierte Stanišic befriedigt: «Ich sehe, Sie mögen Frau Kranz.» Weitere Figuren sind ein Hühnerzüchter, der sagt, wie man seine Hühner vor dem Fuchs schützt, und eine Füchsin, die den Hühnern des Bürgermeisters nachspürt. Trotz aller Vorsicht schafft sie es, zu den Hühnern zu gelangen: Sie nimmt die Ziege, die nahe am Zaun angebunden ist, als Sprungbrett.

Humorvoll und warmherzig

So humorvoll, poetisch und warmherzig, wie er schreibt, war auch sein Auftreten an der Lesung vor RGML-Freunden. Als erstes hatte er die Geschichte seiner Ankunft in Heidelberg genommen; aus dem neuen Buch las er die Passagen über Frau Kranz. In der Diskussion zeigten sich die Zuhörenden fasziniert von seinen Büchern, aber auch von seinem Leben. Hauptperson in seinem Leben ist im Moment allerdings sein kleiner Sohn. Fast in jeder Antwort auf eine Frage kam er über kurz oder lang auf den kleinen Nicolai zu sprechen. Er entschuldigte sich dafür, aber die Besucher des Anlasses –viele im Grosseltern-Alter, freuten sich darüber.