Die Winter-Pendler

Im Winter, wenn das Thermometer Minusgrade anzeigt und der erste Schnee fällt, lässt mancher Rheintaler sein Auto zu Hause und fährt mit dem Bus zur Arbeit. Schliesslich liest man ja in der Zeitung oft vom laufend verbesserten Service der öffentlichen Verkehrsmittel.

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Winterliche Verhältnisse: Bei Schnee benutzen auch überzeugte Autofahrer den Bus. (Bild: Samuel Tanner)

Winterliche Verhältnisse: Bei Schnee benutzen auch überzeugte Autofahrer den Bus. (Bild: Samuel Tanner)

Im Winter, wenn das Thermometer Minusgrade anzeigt und der erste Schnee fällt, lässt mancher Rheintaler sein Auto zu Hause und fährt mit dem Bus zur Arbeit. Schliesslich liest man ja in der Zeitung oft vom laufend verbesserten Service der öffentlichen Verkehrsmittel. Den Ganz-Jahres-Pendlern graut jeweils vor diesem Augenblick – aus mehreren Gründen.

Mit der Hunderternote

Die Winter-Pendler lassen sich bereits an der Haltestelle identifizieren. Meist trifft man am Morgen nämlich die selben Pappenheimer, denen man jeweils frierend zunickt. Dieses Ritual wiederholt sich Morgen für Morgen. Busse haben aufgrund der oft prekären Strassenverhältnisse im Winter oft Verspätung. Hält der Bus schliesslich an der Haltestelle, steigen die Pendler durch die Hintertüre ein und nehmen ihren Stammplatz ein.

Der Winter-Pendler steigt vorne ein, er hat kein Abonnement und entscheidet sich nach langem Überlegen für ein Einzelbillett. Er hat auch kein Münz, um den Frankenbetrag zu bezahlen. Mühsam kramt er das Portemonnaie hervor und zahlt mit einer Hunderternote. Im hinteren Teil des Busses – unter den Ganz-Jahres-Pendlern – wirft man sich ungläubige Blicke zu. Nach der Bezahlung des Billetts setzt sich der Amateur unter den Pendlern auf einen freien Platz.

(Es ist jener Stuhl, den seit Jahr und Tag ein älterer Mann besetzt, der eine Haltestelle später einsteigt.) Dasselbe Szenario wiederholt sich bis zur Ankunft am Knotenbahnhof (im Rheintal ist es Heerbrugg) noch unzählige Male. Da angekommen, ist die Konsternation gross: Wegen den langsamen, uneffizienten Winter-Pendlern haben sämtliche Anschluss-Züge den Bahnhof bereits verlassen.

ÖV-Experten sind geboren

Treffen die Winter-Pendler am Arbeitsplatz ein, ist das Diskussionsthema für den ganzen Tag bestimmt: der öffentliche Verkehr. Es fallen Sätze wie: «Unglaublich, benutzt man einmal den Bus, hat er immense Verspätungen.» Oder: «Unglaublich, die neunzig Franken Rückgeld gab mir der Chauffeur in Zehnernötli.»

Auch an den Weihnachtsfesten, im Kreis von Verwandten und Bekannten, ist der ÖV ein beliebtes Thema.

Zu Wort kommen aber meistens nicht Ganz-Jahres-Pendler, die grosso modo mit der Dienstleistung zufrieden sind, sondern Winter-Pendler. Auch da beginnen die Sätze mit: «Unglaublich ,…»

Samuel Tanner

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