DIE SCHWEIZER SEITE WAR VERPFLICHTETDIE SCHWEIZER SEITE WAR VERPFLICHTET: Der Mündungsbereich gedeiht

Die Internationale Rheinregulierung (IRR) hat als Verpflichtung aus dem Staatsvertrag von 1892 in den Jahren 2005 bis 2010 den Alten Rhein von St. Margrethen/Höchst bis zum Bodensee ökologisch aufgewertet.

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Im Flachwasser am Alten Rhein laichende Karpfen liefern jedes Frühjahr ein beeindruckendes Naturschauspiel. (Bild: UMG)

Im Flachwasser am Alten Rhein laichende Karpfen liefern jedes Frühjahr ein beeindruckendes Naturschauspiel. (Bild: UMG)

Diese Massnahmen sind laufend von Fachleuten auf ihren Erfolg hin überprüft worden. Jetzt liegt ein zusammenfassender Bericht vor. Er fällt sehr gut aus, weist aber auch auf Optimierungspotenzial hin.

Der zusammenfassende Bericht, verfasst durch die Büros Oeplan (Balgach) und UMG (Bregenz), enthält alle relevanten Ergebnisse aus den Moduluntersuchungen. Er wurde dieser Tage am Rheinspitz erstmals den Vertreterinnen und Vertretern der Umweltorganisationen, der Gemeinden, der Ortsgemeinden sowie den Mitarbeitenden des Rheinunternehmens vorgestellt. Besonderes Interesse fand die Auswertung bei den beiden ehemaligen Rheinbauleitern Leo Kalt (Schweiz) und Martin Weiss (Österreich), die massgeblich an der Ausführung beteiligt waren.

Erste Erfolge zu verbuchen

Der Mündungsbereich des Alten Rheins hat sich laut Bericht bisher sehr erfreulich entwickelt. Dies zeigt sich zum einen an der verbesserten Wasserqualität, dann aber auch am Vorkommen seltener Arten (wie Bachmuschel oder Bodensee-Vergissmeinnicht) sowie durch grosse Bestände an rastenden und uberwin­ternden Vogelarten. Schliesslich hat sich gemäss den Experten infolge der rasanten Wasserpflanzenentwicklung – vor allem östlich der Mündung des Alten Rheins – auch die Fischbiomasse erheblich gesteigert.

Im Fluss selber haben die Fachleute fünf Jahre nach Abschluss der Neugestaltung un­terschiedliche Entwicklungen beobachtet. Im oberen Abschnitt (St. Margrethen/Höchst) bieten die hydraulischen Verhältnisse auch strömungsliebenden Fischarten geeigneten Lebensraum. Deshalb seien hier weitere strukturelle Verbesserungen sinnvoll, heisst es. Unterhalb der Massnahme 9 (Gifthutta) führen Feinstoffeinträge aus dem Binnen­kanal zu permanenten Verlandungen. Besonders in den stillen Nebengewässern bedeutet dies, dass bei Hochständen des Bodensees praktisch keine Strömung mehr besteht. Diese Se­dimentablagerungen sind aus fischökologischer Sicht und für Wirbellose (Grossmuscheln, Makrozoobenthos) nachteilig, sind aber mehrheitlich systembedingt. Andererseits sind die neu geschaffenen Nebengewässer für Jungfische sehr wertvoll.

Neben positiven Auswirkungen auf die laichenden Fische hat auch die Libellenfauna, die mit einigen seltenen Arten vertreten ist, von den Aufwertungsmassnahmen profitiert.

Die Pflege der Landflächen im Bereich zwischen Eselschwanz und Bruggerhorn wurde bislang zu wenig konsequent umgesetzt. Hier sind Verbesserungen in Hinblick auf Umfang, Intensität und Organisation erforderlich. Grundsätzlich seien die Pflegemassnahmen in die Definition der Entwicklungsziele zu integrieren, verlangen die Experten in ihrem Bericht. Sie betonen zudem, wie wichtig die konsequente Umsetzung der Pflege- und Unterhaltsmassnahmen sei. Unter anderem zur Bestandsregulierung von Problemarten, vor allem von Neophyten.

Erhebungen zur Nutzungs­intensität und zur Vogelwelt haben gezeigt, dass speziell im Mündungsgebiet Verbesserungsbedarf in Bezug auf die Besucherlenkung und die Information der Besucher besteht. «Die Störungen für die sensible Vogelwelt müssen dringend verringert werden», heisst es im Bericht. Die zuständigen Behördenvertreter sollen zusammen mit den Gemeinden, so empfehlen die Experten, die Entwicklungsziele für den Alten Rhein auf der Grundlage der neuen Erkenntnisse präziser definieren.

Weitere Aufwertungen wären möglich

Die permanente Verlandung im unteren Flussabschnitt lasse sich nur durch Baggerungen verhindern, die zu erheblichen Eingriffen mit hohen Kosten führen würden. Es seien daher die realistischen Zielzustände neu festzulegen, fordern die Fachleute, um klare Vorgaben für den Gewässerunterhalt zu schaffen.

In vielen Bereichen wären weitere ökologische Aufwertungen möglich, etwa durch Gewässerstrukturierung mittels Raubäumen, durch die Vertiefung von Amphibienlaichgewässern oder die Aufwertung der Libellengewässer durch die Gestaltung von Flachufern.

Es wird empfohlen, diese Verbesserungen sukzessive durch Revitalisierungs- und Naturschutzprojekte zu realisieren. Für den künftigen Gewässerunterhalt seien klare Organisationsstrukturen nötig, meinen die Experten. (pd)

Die Staatsverträge zur Regulie­-rung des Rheins verpflichten die Schweiz, die Kosten der Endgestaltung des Alten Rheins, der durch den Fussacher Durchstich ent­standen ist, zu übernehmen. Nach Abschluss dieser Arbeiten wird der Unterhalt der Ufer durch die Vertragsstaaten Österreich und Schweiz gemeinsam getragen, wobei künftig die Anrainergemeinden mit in der Erhaltungspflicht sind. Basierend auf dem Umweltverträglichkeitsbericht von 1992 wurde 1998 ein generelles Projekt erarbeitet, das zwölf Massnahmen zwischen Bruggerhorn und Mün­dung vorsah. Erst aber von 2005 bis 2010 wurden die Massnahmen an Fluss und Mündung realisiert. Mit den Bewilligungen war auch eine Erfolgskontrolle vorgeschrieben. Nach Absprache mit den Behörden beider Staaten konnte vereinbart werden, dass die Erfolgskontrollen in den Jahren 2015 und 2020 synchron über alle realisierten Massnahmen durchgeführt werden. In der ersten Erfolgskontrolle 2015 wurden folgende Fachbereiche untersucht: Morphologie und Dynamik (Erosion und An­landung), Wasserqualität, Vögel im Mündungsgebiet, Amphibien, Fische, Libel­-len, submerse Makrophyten (Un­- terwasserpflanzen) und Wassermollusken (Muscheln), Makrozoobenthos (Kleintiere am Gewässerboden), Vegetation im Mündungsbereich, invasive Neophyten, Nut­- zungsaktivitäten (Naherholungsnutzung, Bootsverkehr). Durch die Realisierung der Massnahmen zur Endgestaltung des Alten Rheins in den Jahren 2005 bis 2010 hat die Schweiz die Verpflichtungen aus dem Staatsvertrag 1892 er­- füllt und kann voraussichtlich dieses Jahr, im Jubiläumsjahr der IRR, aus der Verpflichtung entlassen werden. (pd)